Wiederverwendung von Rest- und Recyclinghölzern

Mit steigenden Ölpreisen wird der Rohstoff "Holz" knapp. (Foto: R. Rosin / TUM)

Holz als Rohstoff: Die Kaskadennutzung, also die Wiederverwendung von Rest- und Recyclinghölzern sei in Deutschland bereits Realität, so eine Studie des INFRO e. K. – Informationssysteme für Rohstoffe, die Universität Hamburg und das Thünen-Institut.[1]  Als Kaskadennutzung wird die Nutzung eines Rohstoffs über mehrere Stufen bezeichnet. Auf diese Weise solle eine besonders nachhaltige und effektive Nutzung sowie eine Einsparung beim Rohstoffeinsatz von Rohstoffen erreicht werden. Dies bedeutet, dass Rohstoffe oder daraus hergestellte Produkte so lange wie möglich im Wirtschaftssystem genutzt werde. Und wie sehr diese Nutzungsart wirke, zeige der Vergleich von „frischem“ Holzaufkommen aus Wald und Landschaftspflege einerseits und Holzverwendung andererseits: Knapp 84 Millionen Quadratmeter Waldholz, Rinde und Landschaftspflegematerial seien 2016 in die verschiedenen stofflichen und energetischen Nutzungsschienen eingespeist worden, aber gut 127 Millionen Quadratmeter Holzrohstoffe wären auch tatsächlich genutzt worden

Somit konne aus einem Kubikmeter primärer Biomasse über Kaskadennutzung von Industrierestholz (Verarbeitungsreste aus Sägewerken und anderer Holzbe- und -verarbeitung) und Altholz (aus Abriss von Gebäuden, alten Paletten und Ähnliches) die 1,5fache Holzmenge für Holzprodukte gewonnen werden. Das Ergebnis der Studie sei eine umfassende Rohstoffbilanz, die zeige, dass die Kaskadennutzung, vor allem bei der stofflichen Nutzung, schon Realität sei. Diese Untersuchung schließe nun Lücken in der amtlichen Statistik und stelle eine wichtige Datengrundlage dar, um die nachhaltige Umsetzung der Charta für Holz 2.0 des Landwirtschaftsministeriums für mehr Holznutzung im Blick zu behalten.

Dreieinhalb Jahre arbeitete das Team um Professor Udo Mantau von der Universität Hamburg daran, die Verwendungsmengen und -formen von Holz im Detail zu bilanzieren. Dem Forscherteam war es wichtig, Daten in Bereichen zu erfassen, die die amtliche Holz-Statistik noch nicht berücksichtigt – etwa zur energetischen Holznutzung oder zum Altholzaufkommen. Die Studie berücksichtigt dabei sieben Nutzergruppen: Sägewerke, Holzwerkstoffhersteller, die Holz- und Zellstoffindustrie, große und kleine Heiz- und Heizkraftwerke, mit Holz heizende private Haushalte und den Altholz-Entsorgungsmarkt. Auch bei der energetischen Holznutzung spiele der Einsatz von Rest- und Recyclinghölzern eine große Rolle, so heißt es in der Studie weiter. So nutzten 2016 die Großfeuerungsanlagen überwiegend Altholz, aber dies seien nur 2,2 Prozent des gesamten Rohholzaufkommens in Deutschland. Private Öfen und Scheitholzkessel fragten 2016 gut 23 Prozent des Rohholzaufkommens nach. Der mengenmäßig größte Teil des Rohholzes von fast 75 Prozent ginge in die stoffliche Nutzung. Weiter zeige sich, dass die energetische Holznutzung zwischen 2007 und 2008 ein Maximum erreicht habe. In den Jahren danach ginge sie wieder etwas zurück und stagniere seit 2011 auf ähnlichem Niveau wie die stoffliche Nutzung.

Auf der Grundlage der 3. Bundeswaldinventur entwickelte das Thünen-Institut nachhaltige Nutzungsszenarien mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Im „Naturschutzpräferenzszenario“ erfolgt die Holznutzung unter besonders naturschutzorientierten Vorgaben, während das „Holzpräferenzszenario“ von einem in die Bewirtschaftung integrierten Naturschutz ausgeht. Im Vergleich zur aktuellen Nutzung von 62,2 Millionen Quadratmeter liege das Nutzungspotenzial im Naturschutzpräferenzszenario bei 78,2 Millionen Quadratmeter und im Holzpräferenzszenario bei 104,7 Millionen Quadratmeter. Die aktuelle Nutzung liege damit noch unter dem nachhaltigen Nutzungskorridor. Differenziert man nach Nadel- und Laubholz, zeige sich, dass die ungenutzten Potenziale vor allem beim Laubholz liege. Durch eine stärkere Laubholznutzung und die Entwicklung innovativer Laubholzprodukte könne die deutsche Forstwirtschaft also ihren Beitrag zu Klimaschutz und nachhaltiger Rohstoffversorgung noch erhöhen.

Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft sei ein Rohstoff mit ausgezeichneter Ökobilanz. Holz aus heimischer Produktion habe zudem den Vorzug kurzer Transportwege. Das in Deutschland nachhaltig erzeugte Holz sei unverzichtbar als Rohstoffbasis für die heimischen Betriebe – Stichwort Bioökonomie – insbesondere in ländlichen Räumen und leiste wertvolle Beiträge für die Erreichung der Nachhaltigkeits- und Klimaschutzziele der Bundesregierung, fügen die Wissenschaftler hinzu Daher ziele die Charta für Holz 2.0 des Landwirtschaftsministeriums darauf ab, mehr Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft zu nutzen – zugunsten von Klimaschutz, Arbeitsplätzen und Wertschöpfung im ländlichen Raum und zur Schonung endlicher Ressourcen.

Allerdings scheinen auch für das Landwirtschaftsministerium die Bäume nicht in den Himmel zu wachsen: Wissenschaftler der Technischen Universität München stellen fest, dass noch etwa zehn Jahre lang die nachhaltige Forstwirtschaft die immer größere Nachfrage nach Holz befriedigen könne. In Deutschland und Europa würden neue Konzepte diskutiert, um die nachwachsende, aber dennoch begrenzte Ressource Holz industriell verantwortungsbewusster und effizienter zu nutzen. [2] Die Münchner Wissenschaftler analysierten Daten aus einem europäischen Forschungsprojekt, um herauszufinden wie effizient die Mehrfachnutzung zwischen Holzernte und Verbrennung sein könnte.

Dabei stellten sie sich die Frage: Führt die Kaskadennutzung von Holz wirklich zu einer erhöhten Ressourceneffizienz? Ein Kaskadensystem aus vielen Lieferanten, Herstellern und Nutzern ist komplex und aufwändig. Die Stoffströme innerhalb und zwischen den Kaskadenstufen seien zahlreich und kompliziert. In der Theorie sei das Konzept seit Jahren beschrieben und inzwischen wissenschaftlich belegt. In der industriellen Praxis stecket die Kaskadennutzung noch in den Kinderschuhen, es fehle an den notwendigen Logistikprozessen und der angepassten Verfahrenstechnik. So beklagt der Münchner Lehrstuhlinhaber Professor Klaus Richter, das die energetische Nutzung immer noch Vorrang vor der stofflichen Nutzung von Holz habe. Fast die Hälfte der jährlich geernteten 60 Millionen Tonnen Waldholz fließe direkt oder bei ihrer industriellen Verarbeitung in die energetische Nutzung

[1] https://www.fnr.de/presse/pressemitteilungen/aktuelle-mitteilungen/aktuelle-nachricht/?tx_ttnews%5Byear%5D=2018&tx_ttnews%5Bmonth%5D=06&tx_ttnews%5Bday%5D=28&tx_ttnews%5Btt_news%5D=10991&cHash=9f569b6cd6dd4d41ddf68b68b68b6cfd

[2]https://www.tum.de/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/detail/article/34365/


Heute werden die Ergebnisse zudem auf der Tagung „Rohstoffmonitoring Holz“ in Berlin vorgestellt und diskutiert. Die Vorträge stehen in Kürze auf der Seite https://veranstaltungen.fnr.de/rohstoffmonitoring-holz zum Nachlesen bereit. Die Ergebnisse sind jetzt in drei Publikationen nachzulesen. Je nachdem, wie tief der Leser in die Materie einsteigen will, steht ihm ein sehr kurzes Handout, eine knapp 30-seitige Kurzfassung der Studie oder die vollständige Langfassung, erschienen als elektronischer Band 38 der Schriftenreihe Nachwachsende Rohstoffe, zur Verfügung. Alle drei Veröffentlichungen sind unter dem Stichwort „Rohstoffmonitoring“ in der Mediathek der FNR (https://mediathek.fnr.de) zu finden.