“ Wir brauchen eine Klima-Hermesdeckungen für Afrika“

@Afrika Verein

Stefan Liebing ist Vorsitzender des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft e.V. und des Deutsch-Afrikanischen Wirtschaftsverbandes. In der Vergangenheit war er auch als Vorsitzender des Europäischen Wirtschaftsrats für Afrika und das Mittelmeer (EBCAM) tätig. Darüber hinaus ist er  stellvertretende Vorsitzende des Zentrums für Wirtschaft und Technologie in Afrika e.V. an der Universität Flensburg und wurde kürzlich zum Honorarprofessor ernannt. Er studierte Betriebswirtschaft an der Universität Mannheim und promovierte in Politikwissenschaft an der Universität Duisburg.


Afrika ist oft ein Thema in den Nachrichten, aber meist nur in der Rubrik „Kriege und Katastrophen“. Über Wirtschaft und Kultur scheint hingegen wenig bekannt.  Fehlen uns Hintergrunde und Informationen?

Die Informationen fehlen nicht, aber sie sind eher in Expertenzirkeln bekannt als in der breiten Öffentlichkeit. Bei den deutschen Unternehmen sehe ich sogar ein steigendes Interesse, sich mit dem Kontinent zu befassen. Um ein Beispiel aus meiner eigenen Organisation zu nennen, unser Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft veranstaltet jedes Jahr, vor und hoffentlich bald nach Corona, rund 90 Konferenzen und Kongresse, auch zum Thema Zusammenarbeit in Sachen Energie zwischen Deutschland und Afrika. Und hier zeigt sich deutlich: Über die Jahre sind die Teilnehmerzahlen immer stärken angestiegen. Aber auch andere Institutionen sind stärker in Afrika tätig als noch vor einigen Jahren. So hat beispielsweise der Deutsche Akademische Austauschdienst inzwischen einen Arbeitsschwerpunkt zu Afrika entwickelt und ermöglicht so zahlreiche Hochschulkooperationen.

Wie kommt es zu diesem mehr an Interesse?

Afrika hat für Deutschland seit einigen Jahren eine größere Bedeutung. Auslöser dafür war wohl die Migrationskrise, die in Berlin zur Erkenntnis geführt hat, dass es auch in unserer Verantwortung liegt, dazu beizutragen, dass Menschen in ihrem Heimatland eine Perspektive für sich und ihre Familie entwickeln können, indem sie beispielsweise einen guten Arbeitsplatz finden. Inzwischen ist auch in Berlin verstanden worden, dass, wenn wir Afrika nicht helfen, sich gut zu entwickeln, wir hier in Deutschland ein Problem bekommen werden. Demzufolge ist die politische und mediale Aufmerksamkeit gestiegen. Deutschland hat entsprechend in der Zeit der Präsidentschaft der G 20 eine Reihe von Afrika bezogenen Projekten gestartet, etwa den „Compact with Africa“, mit dem Ziel, eine Partnerschaft auf Augenhöhe und bessere Bedingungen für Handel und Investitionen zu schaffen.

Was ist die Idee hinter dem Compact?

Die Idee ist, dass die afrikanischen Länder selbst gemeinsam mit der Weltbank, dem Internationalen Währungsfonds und der Afrikanischen Entwicklungsbank sich ein Reformprogramm geben und die entwickelten Länder der G20-Gruppe im Gegenzug für möglichst hohe private Investitionen sorgen. Zwölf afrikanische Länder haben sich dem „Compact with Africa“ bereits angeschlossen. Und es hat sich auch einiges getan: So haben deutsche Unternehmen in Afrika in unterschiedlichen und sehr spannenden Wirtschaftszweigen wie IT oder Medien investiert, aber auch in Mobilität und besonders in die Erneuerbaren Energien. Ich glaube, es passiert viel mehr als in der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Und hier sind wir auch schon bei einem der Grundprobleme. Wahrgenommen werden afrikanische Themen in unserer medialen Welt immer nur dann, wenn es sich um Krisen handelt.

Dann lassen Sie uns doch mal bei den Sachthemen genauer hinschauen. Wie stellt sich beispielsweise die Situation bei den Erneuerbaren Energien dar?

Das Spannende ist, dass es hervorragende Standorte für Wind- oder Solarenergie in Afrika gibt, aber auch für Wasserkraft. Das ist natürlich regional sehr unterschiedlich. Auf der Höhe der Sahara haben wir eine starke Sonneneinstrahlung und an den Küsten gleichzeitig viel Wind. Und rund um den Äquator gibt es viel Niederschlag. Durch die Wolken sind in dieser Region PV Anlagen nicht interessant, aber die großen Mengen an Wasser ließen sich hervorragend für Wasserkraftwerke nutzen. Und hier gibt es ja auch schon beeindruckende Beispiele im Kongo etwa oder in Kamerun. Ghana und Uganda beispielsweise erzeugen mehr Strom als sie aktuell benötigen und bieten an zu exportieren.

Bei den Erneuerbaren handelt es sich doch um einen Bereich in dem deutschen Unternehmen eigentlich ganz gut unterwegs sind.  Gibt es hier Perspektiven?

Der Engpass liegt momentan vor allem bei der Finanzierung. Die staatlichen Energieversorger in Afrika sind häufig finanziell sehr schwach. Was auch damit zu tun hat, dass die Stromtarife politisch festgelegt sind und oft nicht einmal die Erzeugungskosten für den Strom einbringen. Seitens der Politik besteht Interesse an bezahlbarem Strom für die Bevölkerung. So können die Stromerzeuger nicht wirklich wirtschaftlich arbeiten und haben keine Mittel, um in eigene Anlagen zu investieren. Hier kommen nun ausländische Investoren ins Spiel. Dabei sind in der Tat auch Familienunternehmen und Mittelständler aus Deutschland. Aber als privater deutscher Projektentwickler und Investor kann ich Bankkredite für solche Vorhaben nur zurückzahlen, wenn die Versorger zuverlässig für den Strom bezahlen. Und hier gibt es bei uns zulande ein echtes Problem. Wenn deutsche Unternehmen der Erneuerbaren-Branche an einem der Frankfurter Bankentürme anklopfen und nach Fremdkapital für ein Windenergie-Projekt in Afrika fragen und als Sicherheit vor allem die Zusage einer afrikanischen Regierung vorweisen, zwanzig Jahre lang immer die Stromrechnung zu bezahlen, wird ihm der Pförtner eher den Weg zum Betriebspsychologen weisen als den zum Finanzberater. Es kommt deswegen nur zu wenigen Projekten unserer Unternehmen, weil eben eine abgesicherte Finanzierung mit notwenigem Fremdkapital oft nicht dargestellt werden kann.

Dass die deutschen Banken nicht besonders risikofreundlich sind, ist bekannt, aber spielen hier nicht auch ein nicht gerechtfertigtes schlechtes Image und fehlende Einschätzungsmöglichkeiten eine Rolle?

Ja, sicher, aber ich glaube es hat auch damit zu tun, dass wir eine sehr einseitige Risikowahrnehmung von Afrika haben. Und dabei sehe ich, dass Unternehmen und Banken in Deutschland wesentlich weniger mutig sind als die aus einigen unserer Nachbarländer. Und hier spielt die koloniale Vergangenheit sicher eine Rolle. Wenn es persönliche Beziehung zu afrikanischen Ländern gibt, ob nun aus der Unternehmensgeschichte oder aus einem Verwaltungszusammenhang, kommt es oft zu einer viel realistischeren Risikoeinschätzung als bei uns Deutschen, die wir ja eigentlich nicht wirklich international ausgerichtet sind, sondern oft eher exportorientiert. Das ist beim deutschen mittelständischen Familienunternehmen oft noch viel ausgeprägter als bei französischen oder italienischen Konzernen. Als Deutsche wissen wir insgesamt viel zu wenig von Afrika.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen wir einmal Nigeria. In diesem afrikanischen Land befindet sich die zweitgrößte Filmindustrie der Welt – nach Indien und noch vor Hollywood. Ich glaube nicht, dass das in Deutschland bekannt ist. Wer durch Nairobi spaziert, der kommt irgendwann an der Silicon Savanna, dem Hightech und Startup Bezirk, vorbei, der in Sachen Internet- und Mobilversorgung deutlich besser versorgt ist als Berlin. In Addis Abeba sind zurzeit wohl mehr Wolkenkratzer im Bau als in ganz Frankfurt stehen. Diese Dinge entsprechen nicht den hier bekannten Afrika-Klischees. Das heißt nicht, dass es keine Probleme gibt, nicht, dass es keine beklagenswerten Missstände in Afrika gäbe, aber es ist insgesamt eben oft viel besser als die Klischees, die hierzulande existieren.

Aber wenn dies so ist, warum gibt es dann von deutscher Seite immer noch ein viel zu geringes Engagement?

Wir brauchen ein neues Modell der Risikoverteilung zwischen öffentlicher und privater Hand. Als ich begonnen habe, mich für Afrika zu engagieren, waren beispielsweise Hermesbürgschaften für nur ganz wenige Länder zu bekommen. Die Bundesregierung war der Meinung, dass sie den deutschen Mittelständler in Afrika nicht absichern kann, weil die Gefahr, dass etwas schief geht, viel zu hoch ist. Nun hatte ich eigentlich gedacht, dass die Hermesbürgschaften gerade für riskantere Vorhaben angedacht seien. Dass also dem Mittelständler Risiken abgenommen werden, damit er in neue und vielleicht riskante Märkte einsteigen kann. Daran haben wir jetzt über 10 Jahre gearbeitet und es wird, Schritt für Schritt, besser. Es gibt inzwischen immer mehr afrikanische Länder, für die Hermesbürgschaften möglich sind und auch zu besseren Konditionen. Dennoch bleiben wir oft hinter anderen Ländern zurück.

Hinter welchen anderen Ländern?

Die Chinesen übernehmen in Afrika andere, viel größere Risiken, die staatlich abgesichert werden. Aber auch einige europäische Länder sind etwas risikofreudiger im Hinblick auf Afrika. Vielleicht auch deshalb, weil sie dort mehr Erfahrung haben. Wenn wir den Blick auf die Erneuerbaren werfen, wird auch deutlich, was das bedeutet und welche Folgen es hat. Wir könnten Afrika mit nachhaltiger Technologie wie Solar und Windkraft und deutschem Knowhow elektrifizieren. Die Projekte gibt es, die würden sich auch rechnen, aber das notwendige Fremdkapital steht oft nicht bereit.

Aber wie kommen die Unternehmen aus dieser Sackgasse wieder heraus?

Wir haben dazu eine Art Klima-Hermes vorgeschlagen. Unsere Überlegung war: Was würde eigentlich passieren, wenn wir für einen Grundsockel ein paar hundert Millionen aus den deutschen Entwicklungshilfe-Budgets nehmen würden, um damit eine spezielle Ausfallversicherung einzurichten. Die quasi, wie das EEG in Deutschland den Strompreis und damit das Investment absichern. Bei 54 afrikanischen Staaten könnte daraus, selbst wenn mal zwei oder drei Staaten notleidend werden, ein tragfähiges Versicherungsmodell werden. Eine Versicherung, in die ein deutscher Mittelständler auch ganz normal seine Versicherungsprämie einzahlt. Damit würde mit Entwicklungshilfegeldern konkret Wertschöpfung generiert. Da habe ich schon weniger wirksame Entwicklungsprojekte gesehen. Mit einem solchen Instrument wäre dem deutschen Mittelstand, aber auch dem Klima geholfen.

Welche Bedeutung haben die Erneuerbaren denn heute schon in Afrika?

Eigentlich schon jetzt eine höhere als in Deutschland. Wir haben in Afrika eineinhalb Milliarden Menschen, von denen ein erheblicher Teil noch gar nicht an das Stromnetz angeschlossen ist. Und zurzeit entscheidet sich in Afrika die Frage, wie die Stromerzeugung der Zukunft aussehen wird. Das können wir gemeinsam mit Afrika grün umsetzen. Wenn wir zu zögerlich sind, werden sicher andere einspringen. Das sind dann Länder, die möglicherweise lieber Kohlekraftwerke verkaufen wollen. Afrika spricht auch mit Russland über Kernkraftwerke.

Unser deutsches, wohl immer noch zu geringes, Engagement in Sachen Klima, würde lächerlich werden, wenn wir die Energieerwirtschaftung in Afrika andern überlassen?

Wenn in Afrika ein paar hundert Kohlekraftwerke entstehen, brauchen wir hier in Deutschland wirklich nicht mehr über Elektromobilität zu sprechen. Neben der Versorgung der bestehenden Bevölkerung mit Strom kommt das enorme Bevölkerungswachstum hinzu. Nigeria hat schon heute mehr Einwohner als Russland. In 30 Jahren wird das Land mehr Einwohner haben als die USA. Die UN erwartet, dass Nigeria im Jahre 2100 auf 900 Millionen Menschen anwachsen könnte und damit das dritt bevölkerungsreichste Land der Welt ist. Heute gibt es in diesem Land weniger Kraftwerkskapazitäten als in Berlin. Die restliche Stromproduktion läuft über Dieselgeneratoren, die im Vorgarten stehen. Bei dem prognostizierten Bevölkerungswachstum sind das doch eher beunruhigende Aussichten. Und ich glaube wirklich, die Zeit für immer neue Studien und Kongresse ist vorbei. Wenn wir als Deutsche etwas tun wollen, dann müssen wir uns jetzt, mit unseren Technologien zur erneuerbaren Energiegewinnung, auf den Weg machen. Und dafür brauchen wir eine neue Aufgaben- und Risikoteilung zwischen deutschen Unternehmen, der Bundesregierung und den Entwicklungsorganisationen. Sonst wird das nicht funktionieren.