Globale Wasserkrise – neues Wasser-Ethos erforderlich

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Wasser ist ein knappes Gut. Das sollte zwar eigentlich jedem klar sein, doch gerade der Sommer 2018 macht das noch einmal auch dem Mitteleuropäer besonders deutlich. So selbstverständlich ist das nicht, dass auch in unseren, gerne so genannten gemäßigten Breiten das Wasser jederzeit in unbegrenzter Menge aus der Leitung oder vom Himmel kommt.  Längst schon ist unter Experten die Rede von einer globalen Wasserkrise. Wir müssen umdenken, fordert Prof. Dr. Dieter Gerten, Koordinator für Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin in seinem Buch “Wasser. Knappheit, Klimawandel, Welternährung“

 

Wasser ist für den Mitteleuropäer ein Luxus, den er aber gar nicht als Luxus wahrnimmt. Das sieht in anderen Regionen der Welt ganz anders aus. Dieter Gerten zählt auf: Nur knapp ist Kapstadt im Jahre 2018 durch gerade noch rechtzeitig einsetzende Regenfälle einem Notstand, der erhebliche Wasserrationierung erfordert hätte, entkommen. Die heftigen Waldbrände in Kalifornien sind nur der offenkundige Ausdruck der Gefahr einer jahrzehntelangen Megadürre. In Nordamerika sind 30 Prozent der Süßwasserarten bedroht.

Im nördlichen Teil Indiens ist der Verlust von Grundwasservorräten rasant gestiegen. Und im Jemen, geplagt von Nahrungsknappheit, Armut und Bürgerkrieg, wurde die weltweit größte bisher erfasste Cholera-Epidemie durch verunreinigtes Wasser mit verursacht.

Insgesamt leben zwei Milliarden in wasserarmen Regionen und haben keine sanitäre Grundversorgung. Wir Mitteleuropäer, die meistens nicht wissen, wie viel Wasser wir täglich verbrauchen und auch nicht wissen , woher das „tägliche Nass“ kommt, leben also tatsächlich im Luxus.

Mitteleuropa hat den Vorzug, eine klimatisch bevorzugte Region zu sein. Eine gut funktionierende Versorgungsinfrastruktur trägt dazu bei, dass bislang Wassernöte hier nicht aufgetreten sind. Das kann sich ändern. Deutschland wurde erst vor Kurzem wegen zu hoher Nitratbelastung Im Grundwasser von der EU verurteilt. Der Sommer 2018 mit Rekordtemperaturen und Niederschlagsarmut hat bereits im nördlichen und östlichen Europa zu einer Dürre geführt. Deutsche Landwirte fürchten erhebliche Ernteverluste und fordern Milliardenhilfe.

Dieter Gerten ist Wissenschaftler und kein Polemiker, er erklärt die Zusammenhänge zwischen globaler Wasserkrise, Klimawandel und dem immer noch steigenden Bedarf an Nahrungsmitteln. Er weist darauf hin, dass Wasserknappheit nur selten Resultat schwindender Wasservorräte ist, sondern immer auch durch die hohe Nachfrage durch den Menschen verursacht ist.

 

Wo aber Gefahr ist, wächst

das Rettende auch

 

Bezeichnenderweise stellt Dieter Gerten seinem Buch dieses Hölderlinzitat voran. Ein sympathischer Grundoptimismus durchzieht das Buch. Er konstatiert, dass sich in der Wasserwirtschaft ein grundlagender Wandel andeutet, quasi ein Paradigmenwechel: vom “harten Pfad“ zu einem “weichen Pfad“. Im Mittelpunkt stehen dabei dann nicht mehr Profitmaximierung und in vielerlei Hinsicht unverträgliche Großprojekte, sondern sparsame, kooperative und integrierte Wasserbewirtschaftungsweisen. Die aber sind nicht so eben nebenbei zu haben, sondern erfordern die Mit- und Zusammenarbeit der gesellschaftlichen Gruppierungen. Und dazu gehören neben den Landwirten auch die Verbraucher.

Spannend wird es in dem Buch auch dann, wenn man wie Gerten es tut, die Blickrichtung verändert. Nicht die Frage, woher bekommen wir mehr Wasser, sondern die Frage, wie können wir vorhandenes Wasser besser nutzen, sollte dabei leitend sein. Und wir es dann ganz  praktisch und praktikabel .

In der Landwirtschaft zum Beispiel müssten effizientere Bewässerungstechnologien eigeführt werden. Zu denken sei auch an Wassersammlung mit Verfahren, die teils schon vor Jahrtausenden erfunden und erprobt, aber vergessen worden sind. Gewaltige Potenziale sieht Gertens im sogenannten Regenfeldbau. Abgedeckte freie Flächen und gezielte Sortenwahl können Verdunstungsströme umlenken. Dadurch würden bessere Erträge erzielt, ohne dass mehr Wasser benötigt würde.

Ohne ein neues Wasser-Ethos aber geht es nicht

Gefragt sind nicht nur die Landwirte und Wasserbehörden, sondern auch die Verbraucher. Der schon häufig beklagte hohe Fleischkonsum ist auch für Dieter Gerten ein Problem. Macht man sich klar, dass die Fleischerzeugung große Flächen für die Futtermittelproduktion und große Wassermengen beansprucht – und das nicht selten in Trockengebieten – so wird deutlich, dass eine neue Wasserkultur, ein neues Wasser-Ethos, wie Gerten das nennt, entstehen muss.

Dazu gehört auch seine Überlegung, den Nahrungsmittelanbau vor allem in wasserreichen Gegenden zu betreiben. Dies alles im weltweiten Maßstab gedacht, legt sofort den Gedanken nahe, und Gerten ist Realist genug, das zu erkennen: Das wird schwierig. Das wird kein Selbstläufer. In einer Welt, die durch Machtgefüge geprägt ist, schon gar nicht.

 

Lesenswert ist dieses 178 Seiten umfassende Buch aus zwei Gründen. Es führt durch den derzeitigen Stand der „Wissenschaft vom Wasser“, benennt Zusammenhänge und klärt auf. Zugleich ist es ein Plädoyer für ein neues Wasser-Ethos, das jeden angeht und zu dem jeder etwas beitragen kann. Möglicherweise kauft man nach der Lektüre Buches nicht mehr ungehemmt massenweise Fleisch beim Discounter.