Weihnachtsbeleuchtung aus ab 22 Uhr

Auf dem Weihnachtsmarkt, am Balkon, im Garten: Lichterketten sorgen zu dieser Jahreszeit für passende Stimmung und gemütliche Atmosphäre. Aber nicht nur das, denn sie tragen auch erheblich zur Lichtverschmutzung bei. Welche Konsequenzen diese auf die Umwelt und auf den Menschen hat, erklärt Prof. Dr. Thomas Jüstel vom Fachbereich Chemieingenieurwesen der Fachhochschule Münster.

Prof. Dr. Thomas Jüstel als Lichterexperte hat nichts gegen Weihnachtsmärkte und die Beleuchtung, empfiehlt aber, nachts alles abzuschalten – für uns und unsere Umwelt

Immer mehr Lichter sorgen für immer mehr Lichtverschmutzung. Auch die viele Weihnachtsbeleuchtung draußen trägt in der Summe dazu bei.

 

Professor Jüstel, die Weihnachtszeit ist doch bloß so kurz. Verstärken wir die Lichtverschmutzung mit unseren Laternen und Lichterketten wirklich so immens?
In der Summe schon. Gegen Weihnachtsmärkte und die schönen Lichter ist nichts zu sagen, aber ab 22 Uhr sollten wir das alles abschalten – dann wäre die Aufhellung der Nacht geringer, es würde also weniger Lichtverschmutzung entstehen. Zumindest würde ich das empfehlen.

 

Was ist Lichtverschmutzung denn genau?
Davon spricht man, wenn künstliche Lichtquellen den Nachthimmel aufhellen. Wolken am Himmel sowie Staubpartikel in der Luft streuen das Licht, wodurch auch ein Teil zurück auf die Erdoberfläche reflektiert wird. So erscheint der Himmel eher gräulich und man sieht kaum noch Sterne, weil diese überstrahlt werden. Über großen Städten hängt eine Art Lichtglocke, die durch Streuung in der Atmosphäre entsteht. Man spricht mittlerweile auch von Lichtsmog, und der wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen.

 

Wie kann das sein, wo doch technisch unsere Lichtquellen immer weiter optimiert werden?
Das liegt an dem sogenannten Rebound-Effekt: Effizienz wird durch mehr Anwendung aufgefressen. Zum Beispiel bei den LEDs: Sie sind energiesparender und effizienter als Glüh- oder Energiesparlampen, aber genau, weil wir das wissen, setzen wir mehr davon ein und erzeugen in der Summe nachts immer mehr Licht. In ein paar Jahrzehnten können wir nachts in der Stadt Zeitung lesen, so hell wird es sein.

 

Was hat das für Effekte auf uns?
Wir alle werden durch unsere innere biologische Uhr gesteuert, und die wird mit dem Tagesgang der  Sonne synchronisiert, also mit Sonnenauf- und -untergang. Sie lässt sich zwar durch künstliches Licht beeinflussen, aber um das Sonnenlicht kommt man nicht drum herum. Im Gegenteil, eine komplett dunkle Nacht wäre für uns besser, gesünder. Zu viel künstliches Licht nachts kann Stress verursachen und sogar zu einem höheren Krebsrisiko führen. Aber vor allem ist die Lichtverschmutzung ein Albtraum für die Tierwelt.

 

Wie meinen Sie das?
Neben der Verwendung von Insektiziden und dem Straßenverkehr ist die Beleuchtung eine der wesentlichen Ursachen dafür, warum so viele unserer Insekten sterben. Sie werden von den Lichtquellen angezogen und verenden irgendwann an Erschöpfung. Dazu gab es vor knapp 20 Jahren eine Studie in Kiel, allein in einer Nacht sind an den 20.000 Straßenleuchten ungefähr 4,5 Millionen Insekten gestorben. Das ist ein erheblicher Eingriff in das Ökosystem! Und auch für die Vögel ist die Beleuchtung verwirrend, insbesondere für Zugvögel, von denen einige, wie die Grasmücken, in der Nacht ziehen und sich nicht mehr am Sternenhimmel orientieren können. Im schlimmsten Fall sind diese so desorientiert, dass sie um Diskothekenlicht oder Laserstrahlen am Himmel kreisen und irgendwann einfach kraftlos vom Himmel fallen. Oder Singvögel: Sie singen zur falschen Zeit, was Auswirkungen auf ihre Revierverteidigung sowie das Paarungsverhalten hat.

 

Können wir noch etwas anderes tun, als das Licht auszumachen und weniger Partikel in die Luft zu pusten?
Man müsste auch gesetzlich etwas ändern. La Palma, eine Insel der Kanaren, hat per Gesetz durchgesetzt, dass nur noch Straßenlaternen mit tief gelb leuchtenden Natriumdampflampen auf der Insel verwendet werden dürfen, die zudem nach unten abstrahlen müssen. Das schützt den Nachthimmel und ist ein Glück für die Astronomen – auf La Palma stehen nämlich auch mehrere Observatorien, unter anderem eines der größten Spiegelteleskope der Welt. Dort war ich selbst im Frühjahr 1996 und habe den Kometen Hale-Bopp beobachtet. Um wirklich alle 3.000 Sterne am Nachthimmel zu beobachten, die prinzipiell mit bloßem Auge sichtbar sind, müsste man mittlerweile schon in die Antarktis fahren. Dort bekommt man einen Anblick geboten, den wir nur noch aus dem Planetarium kennen.

 

Pressemitteilung der Fachhochschule Münster