Wenn der Schnee zum Stresstest wird

Schneeverwehungen durch den Sturm am Freitag schaffen reizvolle Formationen, beeinträchtigten aber auch den Straßen- und Schienenverkehr. In Niedersachsen wurden im Küstengebiet Schneefräsen eingesetzt, um besonders starke Verwehungen zu beseitigen. Copyright: Privat
Dr. Marcel Schütz.
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Schneeverwehungen durch den Sturm am Freitag schaffen fürs Auge reizvolle Formationen, beeinträchtigten aber auch den Straßen- und Schienenverkehr. In Niedersachsen wurden im Küstengebiet Schneefräsen eingesetzt, um besonders starke Verwehungen zu beseitigen. Die intensivsten Schneefälle seit Jahren haben Hamburg und große Teile Norddeutschlands richtigen Winter gebracht. Straßen waren gesperrt, der Verkehr stockte, einige Tage lag viel Schnee. Schlagzeilen und Sensationslust – ist Schneewetter inzwischen so besonders? Was macht die weiße Pracht mit einer hochmodernen Gesellschaft, die auf Tempo und reibungslose Abläufe geeicht ist? Ein Gespräch mit dem Organisations- und Sozialforscher Prof. Dr. Marcel Schütz. Er ist Soziologie-Professor und forscht an der Northern Business School in Hamburg zu Krisen-, Störungs- und Katastrophenereignissen.

 


Herr Professor Schütz, war dieser Wintereinbruch wirklich so außergewöhnlich?

Schnee ist im Norden nicht verschwunden. Er fällt durchaus noch regelmäßig – nur bleibt er nicht mehr häufig lange liegen. Das unterscheidet unsere Winter heute deutlich von denen noch des letzten Jahrhunderts. Schnee, der über Wochen hinweg zum Alltag gehört, ist selten geworden, selbst im Bergland. Das hängt stark mit dem Klimawandel zusammen, der die Winter insgesamt viel milder macht. Gleichzeitig erleben wir aber weiterhin einzelne, sehr intensive Schneeereignisse. Der Schneesturm im Norden und in der Mitte Deutschlands im Februar 2021 oder der „Märzwinter“ 2013 in Hamburg sind vielen noch in Erinnerung. Solche Ereignisse sind auch heute noch möglich. Der Winter ist nicht verschwunden – er ist nur unverlässlicher geworden.

Hamburg galt diesmal als besonderer Winter-Hotspot. Zufall?

Nicht ganz. Die Witterung begünstigte wiederholt starke Schneefälle durch sogenannte Lake-Effekte aus der Nordsee. Eisige Höhenkälte aus der Arktis glitt über das vergleichsweise warme Meer, was an Land viel Schnee brachte. Darauf folgten dann eine Luftmassengrenze und der Schneesturm „Elli“ am vergangenen Freitag. Nun ist Hamburg eine große, dicht organisierte Stadt mit einer hohen Erwartung an reibungslosen Verkehr. Schnee unterbricht diese Routinen und Planbarkeit. Es ist ein Stresstest – nicht nur für Straßen und Schienen, sondern für Zeitpläne, Abläufe und Selbstverständlichkeiten. Wir haben ja gesehen, wie problematisch es wird, wenn dann noch andere Störungen hinzukommen, etwa längere Stromausfälle wie zuletzt in Berlin. Zugleich scheint die Zeit stillzustehen, wenn alles einschneit. Dieser Kontrast von Dynamik und Statik ist interessant. Andere Extremwetterereignisse ziehen meist rasch vorbei und hinterlassen direkte Schäden. Schnee dagegen hüllt alles ein – und wenn es reicht, dann bleibt er erst einmal.

Sind wir als Gesellschaft auf kräftige Wintereinbrüche noch eingestellt?

Rein technisch bestimmt, mental vielleicht weniger. Unter dem Gesichtspunkt der Gefährdung ist Schnee eigentlich ein relativ vorteilhaftes Wetterereignis. Man sieht ihn, man weiß, was er bedeutet, man kann sich darauf einstellen. Das Problem ist weniger der Schnee selbst als unser Umgang mit ihm. Ich würde das mit dem Begriff der Angemessenheit beschreiben: vorsichtig gehen, witterungsgerecht fahren, bei längeren Strecken mit dem Auto Decken und Proviant mitnehmen, sich warm genug anziehen. Schnee und Eis drosseln das Tempo. Wenn man versucht, unter Winterbedingungen genauso schnell und effizient zu sein wie sonst, kracht es eben hin und wieder.

Viele Unfälle sind also hausgemacht?

Ja. In der Unfallforschung ist seit Langem bekannt, dass der menschliche Faktor eine zentrale Rolle spielt: unangepasste Geschwindigkeit, unterschätzte Witterung, unglückliche Momente. Unsere Alltagsorganisation ist auf Geschwindigkeit und Verlässlichkeit getaktet. Schnee bringt diese Bewegungs- und Fortschrittsordnung durcheinander. Soziologisch gesprochen macht er Kontingenz sichtbar – also die Erfahrung, dass Dinge ganz anders laufen können als geplant. Das irritiert, weil wir daran nicht mehr gewöhnt sind. Plötzlich bleiben Schulen tagelang geschlossen, Geschäfte öffnen gar nicht. Wegen Schneesturms. Und man fragt sich: Ist das wirklich nötig, ist es so schlimm? Darüber gehen die Meinungen auseinander. Natürlich verschwindet der Schnee meist schnell wieder – zum Glück, werden Winterdienste und Autofahrer sagen.

Gleichzeitig scheint Schnee viele Menschen zu faszinieren?

Und wie! Schnee ist kulturell stark aufgeladen. In Kunst, Literatur, Film und Medien erscheint er sowohl als Idylle wie als Ausnahmezustand – als Moment der Ruhe oder der Verzauberung. Die Menschen zog es am vergangenen Wochenende bei klirrender Kälte hinaus in die Landschaft. Vor dem Schneesturm fragten mich Schüler auf der Straße, ob ich Schnee möge. Ich sagte: Na klar! Sie hofften natürlich auf schulfrei und darauf, im Schnee spielen zu können. Später sah ich eine Großmutter und ihren Enkel, die sich mitten auf der Straße mit Schneebällen bewarfen. Während Regen und graue Tristesse im Winter oft das mitteleuropäische Allerweltswetter sind, fällt Schnee nur unter sehr speziellen Bedingungen. Er verändert alles spürbar: Geräusche werden gedämpft, die Stadt wirkt heller. Gerade weil Schnee so unverfügbar und vergänglich ist, berührt er uns.

In den Städten hält sich Schnee heute selten lange. Abwärme, dichte Bebauung und Streusalz sorgen schnell für Matsch. Bei echten Kältephasen – etwa bei Ost- oder nordöstlichen Lagen – bleibt trockener Pulverschnee jedoch liegen, wird festgetreten und friert ein. Gestein, Eis und Schnee werden sozusagen miteinander verbacken. Die Stadt verändert sich akustisch und visuell stark. Die Räumungsmaschinerie ist auf Normalbetrieb ausgelegt – bei eisigen Winterphasen stößt sie an Grenzen.

Unverfügbarkeit ist also ein neuer zentraler Begriff?

Unsere Gesellschaft ist darauf aus, Dinge verfügbar zu halten: Mobilität, Energie, Kommunikation – selbst die Natur. Frost und Schnee entziehen sich dem kurzfristig. Kräftige Winterereignisse lassen sich nicht einfach abschalten oder beschleunigen. Wir sind von Winterwetter alter Schule etwas entwöhnt und nehmen diese Unterbrechungen daher besonders stark wahr. Man weiß, dass dieser Zustand nicht bleibt. Das erzeugt Spannung, Aufmerksamkeit – und oft auch Freude. Natürlich gibt es dabei Übertreibung und Sensationslust. Begriffe wie „Schneewalze“ oder „Jahrhundertwinter“ sind Unfug, zeigen aber, welche Aufmerksamkeit solche Ereignisse schaffen. Die Winter heute sind, wie gesagt, gemessen am Klimamittel durch die Bank viel zu mild. Mit ein paar kleinen Ausnahmen seit der Jahrtausendwende. Sehr exzeptionell.

Historisch waren Schnee und Kälte allerdings vor allem existenzielle Belastungen. Gab es dennoch früh eine Schneeästhetik?

Ja, und genau diese Ambivalenz ist historisch sehr interessant. Über lange Zeit bedeuteten Winter für große Teile der Bevölkerung Hunger, Kälte und reale Lebensgefahr. Gleichzeitig entwickelte sich gerade in dieser Härte eine ausgeprägte Schneeästhetik – während der sogenannten Kleinen Eiszeit vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Niederländische und flämische Maler zeigen Winterlandschaften mit Menschen auf zugefrorenen Flüssen, bei Arbeit, Spiel und Begegnung. Das sind auch Formen der Bewältigung. Winter bedeutete Gefahr, war aber zugleich eine die Sinne auch anregende Erfahrung.

Sie beschreiben sich selbst als Winterfreund.

Schon als Kind mochte ich knackige Temperaturen und Schnee, der liegen bleibt. Wenn es richtig winterlich ist, gehe ich gern lange durch verschneite Landschaften und mache mir so meine Gedanken für den Schreibtisch. Schnee verändert vertraute Räume. Das Alltägliche wird fremd. Der Ausnahmezustand schärft den Blick für das Gewöhnliche. Sogar ein altes Fahrrad oder eine Mülltonne wirken da, eingehüllt in Schnee, plötzlich besonders, hörte ich dieser Tage Leute sagen.

Trotzdem gibt es viel Ärger, etwa über nicht geräumte Wege.

Ich musste schmunzeln, als in Hamburg öffentlich zum Schneeschaufeln aufgerufen wurde. Offenbar ist das schon eine Herausforderung. Dabei lässt sich mit einfachen Mitteln viel erreichen. Natürlich wird es trotz aller Vorsicht Unfälle geben. In einer Großstadt mit viel Bewegung ist das statistisch normal. Man muss Schnee und Glätte nicht dramatisieren – aber die alltäglichen Risiken ernst nehmen.

Ein Winter, der bis heute fast mythisch erinnert wird, ist 1978/79. Warum?

Der Winter 1978/79 war nicht der kälteste unserer regionalen Geschichte, aber er vereinte mehrere, selten in dieser Form auftretende Faktoren. Meteorologisch traf extrem kalte Polarluft auf milde Atlantikluft – entlang einer außergewöhnlich scharf ausgeprägten Luftmassengrenze. Prägend war die Wirkung: massive Schneestürme, meterhohe Verwehungen, abgeschnittene Regionen, Zusammenbruch von Verkehr und Versorgung. Panzer und Hubschrauber mussten Dörfer evakuieren. Ganze Züge verschwanden auf offener Strecke im Schnee. Für viele Menschen war das eine Erfahrung von Kontrollverlust, allerdings auch von Solidarität und Improvisation. Solche Winter werden mythisch, weil sie vor Augen führen, wie verletzlich eine hochorganisierte Gesellschaft noch sein kann – und was Menschen sich einfallen lassen, um solche Lagen zu bewältigen.

Was lernen wir daraus?

Dass es nicht immer von jetzt auf gleich geht, wenn es – selten genug – einmal kurz richtig Winter wird. Die Gesellschaft hat eine eher geringe Toleranz für Verzögerungen entwickelt. Mit Bahn und Bussen gab es schnell Ärger. Sicher kann man manches besser planen. Doch unter sehr widrigen Bedingungen ist eine Unterbrechung auch einfach normal. Die jüngste Debatte über arbeitsrechtliche Fragen zum Homeoffice bei Schneefall zeigt, wie sehr uns selbst seltene Wintereinschränkungen beschäftigen. Natürlich weiß ich, dass viele Menschen bei schwierigen Straßenverhältnissen zur Arbeit müssen. Das sind kurze Störungen. Frühere Generationen kannten ganz andere Belastungen. Unsere jetzige Winterepisode gab es vor Jahrzehnten mehrfach und anhaltend. Das war damals kaum eine Meldung wert, heute schon.

Seit Weihnachten war es, mit kurzer Unterbrechung, kalt. Für heutige Verhältnisse ist das schon eine ziemlich lange Zeit. Ist das weiße Pulver jetzt verschossen – war’s das mit dem Winter?

Ich bin kein Meteorologe, aber ich interessiere mich sehr für Wetter als gesellschaftliches Phänomen – es ist auch ein Hobby. Die große Kälte ist nicht ganz weg. In polaren Regionen und in Nordosteuropa haben sich erhebliche Kältereservoirs aufgebaut. Es war jetzt ja schon länger etwas kälter. In der Meteorologie kennt man Wiederholungsneigungen. Typisch für Mitteleuropa, kann es schnell zu neuen Einbrüchen kommen. Ich halte es deshalb für gut möglich, dass der Winter noch einmal zurückkehrt. Vielleicht nicht in dieser Intensität. Als fleißiger Laien-Wetterkundler habe ich natürlich schon in die Modelle geschaut. Richtung Monatsende gibt es erneut Rechenläufe in den Minusbereich – „Modellgezucke“ nennt man das. Die eine Berechnung sieht sibirische Kälte, die nächste mildes Atlantik-Geniesel. Und man weiß nie genau, was sich durchsetzt und am Ende kommt. Das ist das Spannende am Wetter.