Unternehmen können Biodiversitätsverlust verstärken

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Am 9. Februar 2026 wurde der neue Bericht der Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) zum Thema „Business & Biodiversity“ veröffentlicht. IPBES ist ein zwischenstaatliches wissenschaftliches Gremium, das politischen Entscheidungsträgern weltweit fundierte Analysen und Handlungsempfehlungen zur biologischen Vielfalt und zu Ökosystemleistungen liefert. Der Bericht macht deutlich, dass wirtschaftliche Aktivitäten eng mit Biodiversität verknüpft sind: Unternehmen sind sowohl stark von funktionierenden Ökosystemen abhängig als auch maßgeblich für deren Veränderung verantwortlich. Gleichzeitig identifiziert der Bericht strukturelle Herausforderungen wie unzureichende Anreize, Datenlücken und fehlende standardisierte Methoden, die bisher eine breitere Umsetzung biodiversitätsfreundlicher Strategien erschweren.

„Der IPBES-Bericht zeigt sehr klar: Der Schutz der biologischen Vielfalt ist keine freiwillige Zusatzaufgabe, sondern eine nationale und wirtschaftliche Notwendigkeit“, sagt Prof. Dr. Bernhard Misof, Generaldirektor des LIB. „Unsere Forschung setzt genau hier an – gemeinsam mit Unternehmen entwickeln wir Lösungen, die biologisch wirksam und zugleich wirtschaftlich umsetzbar sind.“

Biodiversitätsmanagement in Gewinnungsstätten

Ein zentrales Beispiel dafür ist das vom LIB mit Partnern aus der Baustoffindustrie durchgeführte GiBBS-Projekt. Das Team entwickelte praxisnahe, betriebstaugliche und wirtschaftlich tragfähige Konzepte, mit denen Biodiversität systematisch in den Betrieb von Gewinnungsstätten integriert werden kann. Das daraus hervorgegangene Praxishandbuch „Biodiversität in Gewinnungsstätten: Management und Monitoring der Artenvielfalt“ richtet sich explizit an Unternehmen und zeigt, wie biodiversitätsfördernde Maßnahmen mit bestehenden Produktionsabläufen vereinbar sind. Solche praxisnahen Ansätze adressieren zentrale Herausforderungen des IPBES-Berichts, insbesondere die Integration wissenschaftlicher Erkenntnisse in unternehmerische Entscheidungsprozesse und das Schließen bestehender Wissens- und Umsetzungsbarrieren.

Praxisbeispiel aus der Industrie

„Naturpositives Wirtschaften bedeutet, Biodiversität als Teil der Wertschöpfung zu begreifen“, erläutert Prof. Dr. Christoph Scherber, Stellvertretender Generaldirektor des LIB. „Unsere Projekte zeigen, dass Unternehmen bereit sind, diesen Weg zu gehen, wenn Lösungen wissenschaftlich fundiert, praxistauglich und ökonomisch sinnvoll sind.“

Wissenschaftliche Evidenz und innovative Monitoring-Methoden

Die begleitende Forschung des LIB belegt, dass gemeinsam mit der Wirtschaft entwickelte Ansätze sowohl umsetzbar als auch ökologisch wirksam sein können. Studien mit LIB-Beteiligung zeigen beispielsweise, dass mineralische Gewinnungsstätten durch gezieltes Management eine hohe pflanzliche Diversität aufweisen können und damit einen erheblichen naturschutzfachlichen Wert besitzen. Weitere Arbeiten belegen, dass heterogene Gewässerlandschaften in Abbaugebieten wichtige Lebensräume für Insekten und andere Gliederfüßer darstellen. Moderne Monitoring-Ansätze wie Umwelt-DNA (eDNA) ermöglichen es Unternehmen zudem, Biodiversität effizient und belastbar zu erfassen – ein Aspekt, den auch der IPBES-Bericht als entscheidend für bessere Entscheidungsgrundlagen hervorhebt.

Biodiversitätsfreundliche Landwirtschaft als Transformationsfeld

Auch im Bereich Landwirtschaft und Pflanzenschutz arbeitet das LIB an Lösungen, die ökologische Belastungen reduzieren und gleichzeitig langfristige wirtschaftliche Perspektiven unterstützen. Aktuelle Studien zeigen eindeutig, dass synthetische Pestizide erhebliche negative Effekte auf Nicht-Zielorganismen haben. Gleichzeitig wird in hochrangigen Publikationen ein grundlegender Paradigmenwechsel gefordert, um Ernährungssicherheit, Umwelt- und Gesundheitsschutz stärker miteinander zu verbinden. Forschungsarbeiten belegen zudem, dass diversifizierte, biodiversitätsfreundliche Agrarsysteme ökologische Vorteile mit sozialen und ökonomischen Chancen verknüpfen können.

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Transformation hin zu naturpositiven Wirtschaftsweisen zunehmend an Bedeutung. Im NaPA-Projekt untersuchen Forschende mit besonderem Fokus auf Agrarsysteme, wie Unternehmen entlang ihrer Wertschöpfungsketten messbar zur Verbesserung des Zustands der Natur beitragen können und welche politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen dafür erforderlich sind.

Zusammenarbeit als Schlüssel für eine biodiversitätsfreundliche Wirtschaft

Die Erfahrungen aus den LIB-Projekten spiegeln damit zentrale Botschaften des Weltbiodiversitätsrat-Berichts wider: Der Wandel hin zu einer biodiversitätsfreundlichen Wirtschaft ist möglich, erfordert jedoch koordinierte Anstrengungen von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Durch enge Zusammenarbeit mit Unternehmen entstehen Ansätze, die wissenschaftliche Evidenz mit praktischer Umsetzbarkeit verbinden und damit zur notwendigen Transformation beitragen.

„Wir brauchen keinen Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie“, so Prof. Scherber abschließend. „Die wissenschaftlichen Ergebnisse zeigen klar: Biologisch verträgliche Lösungen können wirtschaftlich sein. Der Weltbiodiversitätsrat-Bericht liefert den globalen Rahmen – die Praxis zeigt, dass die Umsetzung bereits heute gelingt.“