Die CO₂-Senkenleistung der Wälder geht zurück

Foto: Die Linde

Naturwald Akademie veröffentlicht Policy Brief zur Bedeutung alter Wälder als Kohlenstoffspeicher und gibt Handlungsempfehlungen für Politik und Forstwirtschaft. Zentrales Ergebnis der analysierten Studien: Die Bedeutung junger Wälder als Kohlenstoffsenke wird überschätzt. Wissenschaftlicher Leiter Dr. Torsten Welle: „Alte Wälder sind keine überalterten Systeme, sondern dynamische, sich selbst regulierende Ökosysteme mit hoher struktureller Stabilität.“

Die CO₂-Senkenleistung der Wälder geht zurück, ihr Beitrag zum Klimaschutz sinkt. Europaweit hat sich die CO₂-Aufnahme von Wäldern und anderen Ökosystemen in den vergangenen zehn Jahren um nahezu ein Drittel verringert. „Das ist ein deutliches Warnsignal für eine fehlgeleitete Landnutzungspolitik“, sagt Dr. Torsten Welle, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der Naturwald Akademie Lübeck. Doch alte Wälder durch Aufforstungen zu ersetzen, wird den Klimaschutz nicht voranbringen. „Alte Wälder enthalten zwei- bis dreimal mehr Kohlenstoff als junge Bestände“, sagt Welle.

„Alte Wälder sind keine überalterten Systeme, sondern dynamische, sich selbst regulierende Ökosysteme mit hoher struktureller Stabilität“, sagt Welle.

Er hat den Stand der wissenschaftlichen Forschung in einem Policy Brief der Naturwald Akademie zusammenfasst und leitet daraus Handlungsempfehlungen für Politik und Forstpraxis ab. Zugleich räumt er mit dem Narrativ auf, dass junge Bäume und aufgeforstete Wälder als Ersatz für alte Wälder die Kohlenstoffspeicher ersetzen könnten. Das Gegenteil ist der Fall, wie die wissenschaftlichen Studien zeigen.

Handlungsempfehlungen für Politik und Forstpraxis

Der Policy Brief der Naturwald Akademie zeigt auf, wie Klimaschutz, Biodiversität und wirtschaftliche Nutzung in ein ökosystemverträgliches Gleichgewicht gebracht werden können:

1. Differenzierte Bewirtschaftung nach Naturnähe und Standort
38 Prozent der Waldfläche in Deutschland sind naturnah oder sehr naturnah, laut Bundeswaldinventur. Auf diesen Flächen sollten Bäume deutlich älter werden. Praktisch bedeutet dies, dass Bäume länger stehen, mehr Holz (Forstwirtschaftlicher Vorrat) aufbauen, als Einzelstamm entnommen werden, und nicht in einem Kahlschlag-Verfahren. Die natürliche Waldentwicklung wird gestärkt.
2. Umbau instabiler Nadelholzreinbestände
Die anderen 62 Prozent der Waldfläche sollten schrittweise in standortheimische, klimastabile Laubmischwälder überführt werden. Großflächige Räumungen oder starke Auflichtungen sind dabei zu vermeiden, um das Waldinnenklima zu erhalten. Naturverjüngung ist ökologisch wie ökonomisch den Pflanzungen überlegen und sollte Vorrang haben. Der Einsatz nicht-heimischer Baumarten wird kritisch bewertet.
3. Naturbasierte Lösungen in der EU-Klimastrategie verankern
Der Schutz und die Wiederherstellung naturnaher Wälder müssen zentrale Bestandteile naturbasierter Klimaschutzstrategien sein. Eine Absenkung europäischer Klimaziele aufgrund schwächerer Senkenleistungen würde die strukturellen Ursachen verkennen und notwendige Transformationsprozesse verzögern.

Junge Wälder: überschätzte Senkenleistung

Die Holz- und Sägeindustrie verweist häufig auf hohe Zuwachsraten junger Bestände im Alter zwischen 20 und 60 Jahren. Zwar ist der jährliche Holzzuwachs in dieser Phase hoch, doch diese Betrachtung greift zu kurz. Wird ein alter Wald durch Nutzung und Verjüngung ersetzt, gehen zuvor über Jahrzehnte oder Jahrhunderte aufgebaute Kohlenstoffspeicher verloren.

Wälder helfen im Klimaschutz vor allem als naturnahe Ökosysteme

Ein erheblicher Teil des eingeschlagenen Holzes – rund ein Viertel der in Deutschland geernteten Bäume – wird energetisch genutzt und damit unmittelbar als CO₂ wieder freigesetzt. Weitere Emissionen entstehen durch Ernte, Transport und Verarbeitung. Nur ein vergleichsweise kleiner Anteil des gebundenen Kohlenstoffs verbleibt langfristig in langlebigen Holzprodukten. In der Gesamtbilanz ist der Wald als intaktes Ökosystem dem Holzproduktespeicher in seiner Klimawirkung deutlich überlegen.

Biodiversität stärkt Resilienz

Der Kohlenstoff in alten Wäldern ist langfristig in Biomasse und Böden gebunden und der Atmosphäre als CO₂ entzogen. Alte Wälder sind widerstandsfähiger und halten ökologische Störungen wie Dürre, Brände oder Schädlingsbefall aus. Daten aus Urwäldern zeigen zudem, dass selbst Wälder jenseits eines Alters von 200 Jahren weiterhin Kohlenstoff speichern und nicht zwangsläufig ein Gleichgewicht erreichen. Damit widerlegen sie die verbreitete Annahme, ältere Wälder seien klimatisch wirkungslos.

Alte, strukturreiche Wälder sind zugleich Hotspots der Biodiversität

Ihre hohe Artenvielfalt erhöht die ökologische Stabilität und damit die Widerstandsfähigkeit gegenüber den Folgen des Klimawandels – insbesondere gegenüber Trockenheit, Hitze, Bränden und Schädlingsbefall. Darüber hinaus erbringen Wälder zahlreiche weitere Ökosystemleistungen: Sie sichern Trinkwasserressourcen, filtern Feinstaub aus der Luft, kühlen ihre Umgebung, puffern Starkregen ab und schützen Siedlungen sowie Infrastruktur vor Hochwasser.