Uni Stuttgart: Innovation für die Kreislaufwirtschaft

Prof. Ralf Takors leitet das Institut für Bioverfahrenstechnik (IBVT) der Universität Stuttgart. Er will der Gasfermentation zur Marktreife verhelfen. Bild: Universität Stuttgart

Materialkreisläufe schließen, Abfälle reduzieren und Rohstoffe dauerhaft im Wirtschaftssystem halten – das sind die zentralen Ziele der Kreislaufwirtschaft. Um sie zu erreichen, braucht es innovative Technologien, die neue Wege des Recyclings eröffnen. Eine vielversprechende Technologie ist die Gasfermentation: Das biotechnologische Verfahren nutzt Abgase wie CO₂ als Rohstoff, um daraus wertvolle Produkte zu erzeugen und industrielle Emissionen neu zu denken. Prof. Ralf Takors will der Gasfermentation mit seiner Forschung zur Marktreife verhelfen. Worauf es dabei ankommt, erklärt der Leiter des Instituts für Bioverfahrenstechnik (IBVT) der Universität Stuttgart im Interview.


Herr Professor Takors, bei der Gasfermentation handelt es sich um ein sogenanntes biotechnologisches Verfahren. Die Bioverfahrenstechnik gilt allgemein als umweltfreundliche Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts. Warum?

Die Bioverfahrenstechnik nutzt Mikroorganismen, um Stoffe umzuwandeln. Darauf basierend lassen sich effiziente Herstellungsverfahren entwickeln. Diese sind aus der modernen Industrie nicht mehr wegzudenken und kommen etwa bei der Herstellung von Rohstoffen, Chemikalien, Nahrungsmittelzusätzen oder pharmazeutischen Produkten zum Einsatz. Nachhaltig sind biotechnologische Herstellungsverfahren, da sie statt auf fossilen Quellen auf nachwachsenden Rohstoffen wie etwa Zucker basieren. Aber nicht nur aus Umweltgesichtspunkten sind biotechnologische Herstellungsverfahren von strategischer Bedeutung. Wir erleben heute leider vermehrt, dass Kriege und Krisen den Zugriff auf fossile Rohstoffe erschweren. Indem wir lokale Ressourcen für industrielle Herstellungsverfahren nutzbar machen, verringern wir unsere Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und stärken die Resilienz des Wirtschaftsstandorts Europa.

Sie forschen am Institut für Bioverfahrenstechnik (IBVT) seit einigen Jahren intensiv an einem neuen biotechnologischen Verfahren: Der Gasfermentation. Welches besondere Nachhaltigkeitspotential bietet diese Technologie?

Mit der Gasfermentation können wir dank mikrobieller Umsetzungen Gase in Wertstoffe umwandeln. In der Regel handelt es sich dabei um Abgase wie etwa CO2. Das große Nachhaltigkeitspotential besteht also darin, dass wir umweltschädliche Abgase und Abfallstoffe in eine nachhaltige klimafreundliche Kreislaufwirtschaft zurückführen können.

Wie könnte ein solcher Kreislauf aussehen?

An der Universität Stuttgart untersuchen wir, wie mithilfe der Gasfermentation aus schwer recycelbaren Mischkunststoffen Wertstoffe für die Chemieindustrie gewonnen werden können. Der Kunststoff wird am Institut für Energieverfahrenstechnik und Dynamik in Energiesystemen (IED) (ehemals: Institut für Feuerungs- und Kraftwerkstechnik) in speziellen Vorverfahren vergast. So erhalten wir ein energiereiches Synthesegas, das unter anderem aus Kohlenstoffmonoxid, Kohlendioxid und Wasserstoff besteht. Im zweiten Prozessschritt, der Gasfermentation, wird dieses Gas von anaeroben Bakterien verwertet. Mithilfe mikrobieller Stoffwechselleistungen stellen die Bakterien kurzkettige organische Säuren und Alkohole her. Diese können der chemischen Industrie als Wertstoffe zugeführt werden.

Wo könnte die Gasfermentation neben der Kunststoffbranche noch helfen, zirkuläre Wertschöpfungsketten zu etablieren?

In der Stahlindustrie etwa. Dort wird die Gasfermentation vereinzelt sogar schon kommerziell eingesetzt: Aus Industrieabgasen wird Ethanol für die chemische Industrie gewonnen. Auch für die Zementindustrie, die bekanntermaßen zu den größten Verursachern von CO2 zählt, steckt viel Potential in der Gasfermentation.

Eine unserer Forschungskooperationen mit einer Zementfirma zielt darauf ab, die CO2-Emissionen des Unternehmens mithilfe der Gasfermentation zu Acetat oder auch Ethanol umzuwandeln. Aus diesen Stoffen können dann wiederum Kunststoffe produziert werden, die ansonsten über fossile Rohstoffe hergestellt werden müssten. Das Beispiel zeigt: Die Gasfermentation ist nicht nur nachhaltig, sondern bietet auch ein interessantes Geschäftsmodell für Firmen, die viele Emissionen ausstoßen.

Welche Fragen muss die Forschung noch klären, bevor die Gasfermentation breit zum Einsatz kommen kann?

Neben bestimmten Fragen zur Bioprozessentwicklung gilt es, sinnvolle Anwendungsfälle zu skizzieren und Machbarkeiten aufzuzeigen. So muss die Prozessentwicklung beispielsweise Lösungen finden für die in der Regel sehr schlechte Löslichkeit der Gase im flüssigen Medium, was die Zugänglichkeit dieses Substrates für die Mikroorganismen erschwert. Eine weitere Aufgabe ist die industrielle Skalierung.

Und wo setzt Ihre Forschung an?

Wir betreiben interdisziplinäre Grundlagenforschung, forschen aber auch anwendungsnah in Kooperation mit der Industrie. Unsere Expertise ist insbesondere die Bioprozessentwicklung, wir schlagen aber auch eine Brücke von der Laborentwicklung zum Produktionsmaßstab: Wir sind Vordenker, was sinnvolle Anwendungsfälle für die Gasfermentation angeht. Gleichzeitig sind wir Technologieentwickler und nehmen uns beispielsweise dem Thema industrielle Skalierung an.

Nachgefragt zur Skalierung: Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, um die Gasfermentation vom Labormaßstab auf großtechnische Industrieanlagen zu übertragen?

Der Scale Up, d.h. die Maßstabsübertragung, ist komplex. Ein Erfolgsfaktor sind verlässliche Vorhersagen: Es braucht sehr gute mathematische, modellierungstechnische Ansätze, um zu verhindern, dass es bei der Hochskalierung auf den industriellen Maßstab zu Leistungseinbußen kommt. Am IBVT erarbeiten wir diese Ansätze und führen sogenannte Computational Fluid Dynamics Untersuchungen für großvolumige Anlagen durch. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist der Bioreaktor, also das technische System, in dem die Gasfermentation unter kontrollierten Bedingungen abläuft. Bei industriellen Anwendungen sprechen wir hier von Anlagen mit einem Volumen von etwa 800 Kubikmetern. Zum Vergleich: Ein typisches 25-Meter-Schwimmbecken fasst etwa 500 Kubikmeter. Bei Bioreaktoren dieser Größenordnung muss die Auslegung, das optimale Design und der optimale Betrieb im engen Wechselspiel von Grundlagenforschung und anwendungsorientierter Umsetzung entwickelt werden. Auch daran arbeiten wir am IBVT.