Urwälder speichern deutlich mehr Kohlenstoff als bewirtschaftete Wälder

Die Forscher gruben Bodengruben, um die Kohlenstoffspeicherung im Boden zu messen (Foto: Johanna Asch)

Laut einer neuen Studie der Universität Lund speichern schwedische Urwälder 83 Prozent mehr Kohlenstoff als bewirtschaftete Wälder. Der Unterschied ist deutlich größer als bisher angenommen und ist hauptsächlich auf die hohen Kohlenstoffvorräte im Boden zurückzuführen. Die Studie ist die bislang umfassendste Erfassung der Kohlenstoffspeicher in schwedischen Urwäldern. Die Ergebnisse zeigen, dass Urwälder 78–89 Prozent mehr Kohlenstoff speichern als bewirtschaftete Wälder – in lebenden Bäumen, Totholz und im Boden bis zu einer Tiefe von 60 Zentimetern. Die Lund University (Lunds universitet) ist eine der ältesten und renommiertesten Universitäten Skandinaviens. Sie wurde 1666 gegründet und liegt in der südschwedischen Stadt Lund. Mit über 40.000 Studierenden zählt sie zu den größten Hochschulen in Schweden und genießt international einen sehr guten Ruf, besonders in den Bereichen Medizin, Natur- und Ingenieurwissenschaften. 

„Das überraschendste Ergebnis sind die großen Mengen an Kohlenstoff, die im Boden von Urwäldern gespeichert sind. Es handelt sich um die gleiche Menge wie der gesamte Kohlenstoff in bewirtschafteten Wäldern – Bäume, Totholz und Boden zusammen“, sagt Anders Ahlström, Forscher am Institut für Umwelt- und Geowissenschaften der Universität Lund.

Die Arbeit an der Studie dauerte fast zehn Jahre. Da es keine landesweite Karte der Urwälder gab, mussten die Forscher zunächst Wälder identifizieren und kartieren, die von direkten menschlichen Aktivitäten kaum oder gar nicht beeinflusst worden waren. Anschließend wurden im ganzen Land umfangreiche Feldarbeiten durchgeführt, darunter fast 220 Bodengruben, die bis zu einer Tiefe von einem Meter ausgehoben wurden, um die Kohlenstoffspeicherung im Boden zu messen.

Gesamtunterschied in Zahlen

Der Gesamtunterschied im Kohlenstoffspeicher zwischen Urwäldern und bewirtschafteten Wäldern – einschließlich des in Holzprodukten gespeicherten Kohlenstoffs – ist etwa drei- bis achtmal größer als bisherige Schätzungen. Dieser Unterschied entspricht etwa 211 Jahren der aktuellen fossilen Kohlendioxidemissionen Schwedens oder etwa dem 1,5-Fachen aller fossilen Emissionen seit 1834.

„Der in Holzprodukten aus abgeholzten Wäldern gespeicherte Kohlenstoff ist relativ gering und gleicht nicht einmal den Unterschied beim Totholz aus, geschweige denn die Unterschiede bei lebenden Bäumen und im Boden. Das liegt daran, dass die meisten Produkte kurzlebig sind, wie beispielsweise Papier und Bioenergie, bei denen der Kohlenstoff schnell wieder in die Atmosphäre gelangt“, sagt Didac Pascual, Forscher am Institut für Umwelt- und Geowissenschaften.


Was sind eigentlich natürliche Kohlenstoffspeicher?

Natürliche Kohlenstoffspeicher sind Bestandteile der Erde, die Kohlenstoff langfristig aufnehmen und speichern und damit eine wichtige Rolle im Klimasystem spielen. Dazu gehören vor allem Wälder, Böden, Ozeane und Moore. Pflanzen nehmen durch die Photosynthese Kohlendioxid aus der Atmosphäre auf und binden den Kohlenstoff in ihrer Biomasse, während Böden große Mengen in Form von organischem Material speichern. Auch die Meere wirken als bedeutende Speicher, da sie CO₂ aus der Luft aufnehmen und im Wasser sowie in marinen Organismen binden. Moore sind besonders effektiv, weil sich dort abgestorbene Pflanzen nur sehr langsam zersetzen und der Kohlenstoff dadurch über lange Zeit erhalten bleibt. Insgesamt helfen natürliche Kohlenstoffspeicher dabei, den Anstieg von Kohlendioxid in der Atmosphäre zu verlangsamen und somit den Klimawandel abzuschwächen.


Urwälder als Referenzpunkte

Urwälder dienen als Referenz dafür, wie schwedische Wälder ohne Waldbewirtschaftung und Landnutzung aussehen würden. Der Unterschied in der Kohlenstoffspeicherung zwischen Urwäldern und den heute bewirtschafteten Wäldern spiegelt die kombinierte Wirkung der direkten menschlichen Landnutzung sowie aller Kohlenstoffgewinne und -verluste wider – vor allem seit dem späten 19. Jahrhundert und insbesondere seit den 1950er Jahren, als die heutige großflächige Waldbewirtschaftung etabliert wurde.

„Der Vergleich der Kohlenstoffspeicherung in Urwäldern und bewirtschafteten Wäldern ist entscheidend, da bei heutigen Messungen der Kohlenstoffaufnahme große historische Kohlenstoffverluste übersehen werden können. Die Kohlenstoffspeicherung zeigt das Gesamtbild im Zeitverlauf. Urwälder dienen als Referenz, um zu verstehen, wie sich die Waldbewirtschaftung auf Ökosysteme und die Kohlenstoffbilanz auswirkt“, sagt Anders Ahlström.


Was sind eigentlich Urwälder?

Urwälder sind natürliche, vom Menschen weitgehend unbeeinflusste Wälder, die sich über sehr lange Zeiträume ohne Eingriffe entwickeln konnten. Sie zeichnen sich durch eine hohe Artenvielfalt, alte Bäume, abgestorbenes Holz und komplexe ökologische Strukturen aus. In solchen Wäldern laufen natürliche Prozesse wie Wachstum, Alterung und Zerfall gleichzeitig ab, wodurch ein stabiler und vielfältiger Lebensraum entsteht. Urwälder spielen zudem eine wichtige Rolle als Kohlenstoffspeicher, da sie große Mengen CO₂ binden und langfristig speichern. Beispiele für solche ursprünglichen Wälder finden sich etwa im Amazonas-Regenwald oder im polnischen Białowieża-Wald, einem der letzten Urwälder Europas.


Urwald mit sehr altem Bestand im Herbst (Photo: Ulrika Ervander)

Die Rolle der Wälder im Klimawandel

Die Ergebnisse sind relevant für Diskussionen über die Rolle der Wälder im Klimawandel. Die großen Unterschiede bei der Kohlenstoffspeicherung deuten darauf hin, dass die Umwandlung von Naturwäldern in bewirtschaftete Wälder zu wesentlich größeren Verlusten an Kohlenstoff oder potenzieller Kohlenstoffaufnahme führt als bisher angenommen. Dies wirkt sich auf die Berechnungen der Klimavorteile von Forstprodukten wie Bioenergie und Baumaterialien aus.

„Die Umwandlung von Urwäldern verringert die Kohlenstoffspeicherung der Landschaft stärker als bisher angenommen. Der Schutz der verbleibenden Urwälder und die Erholung unbewirtschafteter Wälder könnten wesentlich größere Klimavorteile bieten, als frühere Studien gezeigt haben. Ein großer Teil der jährlichen Kahlschläge findet in Urwäldern statt“, schließt Didac Pascual.