Überlebenschancen und Fortpflanzungsmöglichkeiten sinken

Eine rote Mauerbiene (Osmia bicornis) in ihrem Winterquartier, einem Schilfhalm. Sie ist frisch geschlüpft und schickt sich an, das Nest zu verlassen. Quelle: Cristina Ganuza Copyright: Cristina Ganuza

Ein groß angelegtes Experiment zeigt: Wärme holt Bienen und Wespen früher aus der Winterruhe – viele von ihnen haben dann schlechtere Startbedingungen. Das gilt besonders für Arten in kühleren Regionen, die im Frühling schlüpfen.

Die meisten Wildbienen überwintern als verpuppte Larven in ihren Kokons im Boden, in Holz oder an anderen geschützten Orten. Arten, die im zeitigen Frühjahr schlüpfen, überwintern als voll entwickelte Erwachsene im Kokon. Dagegen müssen Arten, die im Sommer schlüpfen, ihre Entwicklung im Frühjahr noch abschließen.

Weltweit verändert der Klimawandel den Zeitpunkt, zu dem Insekten im Frühjahr oder Sommer aus ihrer Winterruhe erwachen. Diese Verschiebungen können Folgen haben: Wenn Insekten wegen höherer Temperaturen zu früh schlüpfen, finden sie eventuell noch nicht die Blüten oder die Beutetiere, von denen sie sich ernähren. Außerdem verbrennen sie ihre lebenswichtigen Fettreserven bei höheren Temperaturen schneller. Das kann ihre Überlebenschancen und Fortpflanzungsmöglichkeiten verringern.

Insekten von 160 Standorten in Bayern untersucht

Wie steht es um die körperliche Fitness von Bienen und Wespen, wenn sich die Temperaturen rund um den Schlupfzeitpunkt verändern? Das hat ein Team um Dr. Cristina Ganuza und Professor Ingolf Steffan-Dewenter vom Biozentrum der Universität Würzburg untersucht. Dazu betrachteten die Forschenden fünf wildlebende Bienen- und Wespenarten, die in Bayern vorkommen und zu unterschiedlichen Jahreszeiten schlüpfen.

Für die Studie stellte sich das Team einer Mammutaufgabe: Es sammelte fast 15.000 in Winterruhe befindliche Individuen aus über 160 Regionen in Bayern und zog sie dann an der Uni unter kontrollierten kalten, warmen und heißen Frühjahrsbedingungen auf, um verschiedene Klimaszenarien nachzustellen.

Weibchen verlieren bis zu 34 Prozent ihrer Körpermasse

Alle fünf Arten schlüpften bei wärmeren Frühlingstemperaturen früher. Doch dabei unterschieden sich die Populationen nach ihrer klimatischen Herkunft: Frühjahrsarten aus wärmeren Regionen wie Unterfranken erschienen bei warmen Frühlingstemperaturen besonders früh und behielten in der Zeit danach mehr Körpermasse als Individuen aus kühleren Regionen wie dem Bayerischen Wald.

Im Gegensatz dazu schlüpften bei den Spätsommerarten nur die Individuen aus kühleren Regionen früher. Weibchen der Sommerarten verloren unter wärmeren Bedingungen schneller an Körpermasse – in einigen Fällen bis zu 34 Prozent.

Insekten aus kühleren Regionen, die im Frühling fliegen, haben Nachteile

„Unsere Daten zeigen, dass Insekten aus kühleren Regionen besonders anfällig für warme Frühjahre sind. Sie verlieren schneller ihre Energiereserven und haben dadurch schlechtere Startbedingungen“, sagt Dr. Cristina Ganuza. Die Erstautorin der Studie forscht am Lehrstuhl für Zoologie III (Tierökologie und Tropenbiologie) der Universität Würzburg.

Die Ergebnisse der Studie sind im Journal Functional Ecology veröffentlicht. Sie sind Teil des LandKlif-Projekts, das Professor Steffan-Dewenter im Bayerischen Klimaforschungsnetzwerk (bayklif) leitet.

Die Forschenden sehen mehrere offene Fragen, die als nächstes zu klären sind:

• Wie beeinflussen zusätzliche extreme Hitzetage das Schlüpfen?
• Welche Folgen haben die Energiereserven der Insekten für deren Bestäubungsleistungen?
• Wie schnell können sich Populationen an veränderte Temperaturen anpassen?