Als im Sommer 2021 die Flutkatastrophe im Ahrtal ganze Regionen von der Stromversorgung abschnitt, wurde deutlich, wie eng Klimawandel und Versorgungssicherheit miteinander verknüpft sind. Umgestürzte Masten, überflutete Umspannwerke und zerstörte Kommunikationsnetze führten dazu, dass nicht nur Haushalte, sondern auch Krankenhäuser, Wasserwerke und Rettungsdienste zeitweise beeinträchtigt waren. Solche Ereignisse gelten längst nicht mehr als Ausnahme. Meteorologen und Klimaforscher gehen davon aus, dass Starkregenereignisse, Hitzewellen und andere Extremwetterlagen in Deutschland künftig häufiger und intensiver auftreten werden. Damit wächst auch der Druck auf die kritische Infrastruktur der Energieversorgung.
Vor diesem Hintergrund erhält eine heute veröffentlichte Analyse des Öko-Instituts besondere Aktualität. Im aktuellen Podcast „Wie krisenfest ist unsere Energieversorgung?“ weist Energieexperte Hauke Hermann darauf hin, dass Deutschland trotz erheblicher Fortschritte bei den erneuerbaren Energien noch immer zu rund 70 Prozent auf Kohle, Öl und Erdgas angewiesen ist. Diese Abhängigkeit von fossilen Importen stellt nicht nur ein geopolitisches Risiko dar, sondern erhöht auch die Verwundbarkeit des Energiesystems in Krisen- und Katastrophensituationen. Gleichzeitig betont Hermann, dass Klimaschutz und Versorgungssicherheit keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Ein schneller Ausbau erneuerbarer Energien, Batteriespeicher sowie intelligente Stromnetze stärken langfristig die Widerstandsfähigkeit des gesamten Energiesystems.
Klimawandel verändert die Anforderungen an die Energieversorgung
Während die öffentliche Diskussion häufig die Frage behandelt, ob genügend Strom erzeugt werden kann, rückt eine andere Herausforderung zunehmend in den Mittelpunkt: Kann der Strom unter extremen Wetterbedingungen überhaupt zuverlässig transportiert und verteilt werden?
Hitzewellen setzen Transformatoren und Freileitungen erheblich unter Stress. Hohe Temperaturen reduzieren deren Leistungsfähigkeit und beschleunigen Materialalterung. Gleichzeitig steigt während langer Hitzeperioden der Strombedarf durch Klimaanlagen und Kühlung deutlich an. Das erhöht die Netzbelastung gerade dann, wenn einzelne Komponenten bereits an ihre technischen Grenzen gelangen.
Noch gravierender wirken sich Starkregen und Überschwemmungen aus. Trafostationen, Umspannwerke und Kabeltrassen befinden sich häufig in Flussnähe oder in urbanen Gebieten mit hoher Versiegelung. Werden diese Anlagen überflutet, drohen großflächige Stromausfälle. Auch Hangrutschungen, Unterspülungen von Fundamenten oder beschädigte Straßen erschweren Reparaturen erheblich. Gleichzeitig nehmen Gewitter mit Blitzschlag, Sturm und Hagel zu, wodurch Freileitungen und Umspannanlagen zusätzlich gefährdet werden. Internationale Forschungsarbeiten bestätigen, dass gerade Verteilnetze künftig stärker unter wetterbedingten Störungen leiden werden und neue Verfahren zur Risikoanalyse erforderlich sind.
Kritische Infrastruktur braucht mehr Resilienz
Deutschland verfügt über eines der zuverlässigsten Stromnetze weltweit. Doch die Anforderungen verändern sich grundlegend. Die klassische Energieversorgung basierte über Jahrzehnte auf wenigen großen Kraftwerken. Mit der Energiewende entstehen dagegen Millionen dezentraler Erzeugungsanlagen – von Photovoltaikanlagen über Windparks bis hin zu Batteriespeichern und Blockheizkraftwerken.
Diese Dezentralisierung bietet erhebliche Vorteile für die Versorgungssicherheit. Fällt ein Großkraftwerk aus, kann dies erhebliche Auswirkungen haben. Dezentrale Systeme verteilen dagegen Risiken auf viele kleinere Erzeuger. Voraussetzung dafür sind allerdings intelligente Netze, leistungsfähige Speicher sowie digitale Steuerungssysteme, die Erzeugung und Verbrauch in Echtzeit koordinieren.
Nach Ansicht des Öko-Instituts reicht der Ausbau erneuerbarer Energien allein jedoch nicht aus. Notwendig seien auch staatliche Rahmenbedingungen für strategische Reserven, der weitere Ausbau von Batteriespeichern sowie Reformen des Strommarktes. Hauke Hermann spricht von einem notwendigen „Softwareupdate“ des Energiesystems, damit die vorhandene Infrastruktur künftig optimal genutzt werden kann.
Kommunen werden zu Schlüsselakteuren
Besonders Städte und Gemeinden stehen vor neuen Aufgaben. Viele kommunale Energieversorger betreiben eigene Strom-, Gas- und Wärmenetze sowie Wasserwerke. Gleichzeitig müssen sie Katastrophenschutz, Feuerwehr, Krankenhäuser und öffentliche Einrichtungen auch bei längeren Stromausfällen funktionsfähig halten.
Immer häufiger entstehen deshalb kommunale Resilienzstrategien. Dazu gehören hochwassersichere Trafostationen, mobile Notstromsysteme, unterirdische Kabel statt Freileitungen, redundante Stromversorgung für kritische Einrichtungen sowie intelligente Frühwarnsysteme, die Wetterprognosen direkt mit Netzsteuerung und Krisenmanagement verbinden.
Auch Unternehmen investieren zunehmend in eigene Resilienzmaßnahmen. Batteriespeicher, Photovoltaikanlagen auf Werkshallen, Notstromaggregate und sogenannte Microgrids ermöglichen es, Produktionsstandorte im Krisenfall zumindest teilweise unabhängig vom öffentlichen Netz weiterzubetreiben. Gerade für Industrieunternehmen mit energieintensiven Prozessen wird Versorgungssicherheit zunehmend zu einem Wettbewerbsfaktor.
Klimaanpassung wird zur wirtschaftlichen Notwendigkeit
Die Diskussion über Energieversorgung verändert sich damit grundlegend. Ging es früher vor allem um Erzeugungskapazitäten und Strompreise, stehen heute Robustheit und Anpassungsfähigkeit im Mittelpunkt. Klimafolgen treffen nicht nur Gebäude oder Verkehrswege, sondern zunehmend auch das Nervensystem moderner Volkswirtschaften – ihre Energieinfrastruktur.
Die Energiewende erhält dadurch eine zusätzliche sicherheitspolitische Dimension. Erneuerbare Energien reduzieren Importabhängigkeiten, dezentrale Erzeugung erhöht die Ausfallsicherheit und moderne Speicher stabilisieren das Stromsystem bei Extremwetterlagen. Gleichzeitig müssen Netze, Umspannwerke und kritische Anlagen konsequent an die Folgen des Klimawandels angepasst werden.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht mehr allein, wie Deutschland klimaneutral werden kann. Sie lautet ebenso: Wie gelingt es, ein Energiesystem aufzubauen, das auch unter den Bedingungen häufiger Extremwetterereignisse zuverlässig funktioniert? Die Antwort darauf entscheidet nicht nur über den Erfolg der Energiewende, sondern zunehmend auch über die Resilienz von Wirtschaft, Kommunen und Gesellschaft insgesamt.
Zu diesem Thema veranstaltet die Osnabrücker Unternehmerinitiative Klima-Frieden Osnabrück e.V. gemeinsam mit der Osnabrücker Hochschule und dem Wissenschaftszentrum Berlin den Kongress: „Städte und Unternehmen im Klimawandel“ am 17.9.2026 in der Deutschen Bundesstiftung Umwelt | An der Bornau 2 | 49090 Osnabrück.
Das Programm folgt in Kürze
