Die Wärmewende gilt oft als unbezahlbares Monsterprojekt. Eine neue Studie des Öko-Instituts im Auftrag der Stiftung Klimaneutralität rückt dieses Bild nun zurecht: Der Gesamtaufwand von 86 Milliarden Euro pro Jahr ist volkswirtschaftlich durchaus zu stemmen. Das eigentliche Problem liegt woanders – bei der Verteilung. Wer im Monat mit weniger als 2.000 Euro netto auskommen muss, kann die nötigen Sanierungen schlichtweg nicht aus eigener Tasche zahlen. Ohne gezielte Gegenmaßnahmen droht diesen Haushalten eine finanzielle Überlastung.
86 Milliarden Euro klingen im ersten Moment gigantisch. Schaut man jedoch genauer hin, relativiert sich die Summe. Die deutsche Bauwirtschaft hat allein im Jahr 2024 rund 190 Milliarden Euro umgesetzt. Hinzu kommt: Nur etwa ein Drittel des Geldes fließt überhaupt direkt in neue Heizungen. Fast die Hälfte der Gesamtsumme geht auf das Konto ganz normaler Instandhaltungen, die über die Jahre ohnehin anfallen. Ob Klimaschutz oder nicht – Dächer, Fassaden und alte Fenster muss man früher oder später sowieso anpacken. Nutzt man diese ohnehin anstehenden Renovierungen clever für die energetische Sanierung, sinken die Zusatzkosten spürbar.
Einkommensschwache Haushalte geraten ins Hintertreffen
Kritisch wird es beim Blick auf die Finanzen sozial schwächerer Gruppen. Für Haushalte mit unter 2.000 Euro Nettoeinkommen summieren sich die nötigen Investitionen bis 2045 auf gewaltige 286 Milliarden Euro. In der Praxis würde das bedeuten, dass diese Menschen über 20 Prozent ihres monatlichen Einkommens allein fürs Wohnen und Heizen abdrücken müssten – tragbar wären laut Experten maximal 10 Prozent.
Besonders hart trifft es zwei Gruppen:
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Mieter in Mehrfamilienhäusern: Rund 8,9 Millionen Betroffene leben zur Miete und verfügen über weniger als 2.000 Euro im Monat. Wälzen Vermieter die Sanierungskosten voll auf die Miete um, steigt die finanzielle Belastung für diese Haushalte auf rund 22 Prozent des Einkommens.
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Eigenheimbesitzer mit kleinem Budget: Bei den 1,6 Millionen Menschen, die im eigenen Einfamilienhaus wohnen, schlägt die Belastung sogar mit bis zu 27 Prozent zu Buche.
Diese Haushalte haben schlicht keine finanziellen Reserven für den Umstieg. Die paradoxe Folge: Wer nicht investieren kann, bleibt auf seinen alten Öl- und Gasheizungen sitzen – und zahlt mit jedem Jahr, in dem die CO₂-Preise steigen, immer mehr fürs Heizen. Besser gestellte Haushalte ab 6.000 Euro Nettoeinkommen können den Wandel dagegen problemlos aus den laufenden Einnahmen finanzieren.
Thomas Losse-Müller, Direktor der Stiftung Klimaneutralität, bringt die Zwickmühle auf den Punkt: „Wer weniger als 2.000 Euro netto hat, kann diese Beträge schlicht nicht aufbringen. Und wer nicht investieren kann, verharrt bei Öl und Gas. Damit schießen die Heizkosten von Jahr zu Jahr weiter nach oben.“
Große Hürde: Vermietete Gebäude und veraltete Infrastruktur
Ein riesiger Knackpunkt liegt im Mietsektor. Über 70 Prozent der Menschen mit geringem Einkommen wohnen zur Miete in Mehrfamilienhäusern. Ob dort etwas passiert, entscheiden allein die Eigentümer. Und hier wird es kompliziert: Rund 65 Prozent dieser Gebäude gehören einzelnen Privatpersonen oder Eigentümergemeinschaften. Statt eines zentralen Hebels braucht es hier Millionen einzelner Investitionsentscheidungen. Das macht vermietete Mehrfamilienhäuser zur wahrscheinlich kniffligsten Baustelle der gesamten Wärmewende.
Bisher kaum im Fokus, aber extrem wichtig: Nichtwohngebäude. Schulen, Kitas, Krankenhäuser und Verwaltungsgebäude machen zwar nur zehn Prozent aller Gebäude aus, verursachen aber ein Drittel aller Emissionen im Gebäudebereich. Über die Hälfte dieser Bauten stammt aus der Zeit vor 1978, und saniert wird hier seit Jahren viel zu wenig. Allein auf Kitas und Schulen entfällt bis 2045 ein Investitionsbedarf von 136 Milliarden Euro. Da den Städten und Gemeinden oft das Geld fehlt, droht hier ein gefährlicher Sanierungsstau.
Fernwärme als Schlüssel für sozial gerechten Klimaschutz
Einkommensschwache Mieter hängen schon heute überdurchschnittlich oft an der Fernwärme. Bis 2045 dürfte dieser Anteil in vermieteten Mehrfamilienhäusern auf rund 40 Prozent klettern. Das bedeutet: Wer die Preise für Fernwärme im Zaum hält, entlastet gezielt diejenigen, die es am nötigsten haben. Ein wirksamer Verbraucherschutz und eine strenge Preisaufsicht beim Netzausbau sind deshalb keine reinen Begleitmaßnahmen, sondern das Herzstück einer sozial gerechten Wärmewende.
Was die Politik jetzt tun muss
Um das Ruder herumzureißen, fordert die Stiftung Klimaneutralität konkrete Nachbesserungen:
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Gezielte Absicherung für kleine Einkommen: Die gestaffelte Förderung war ein guter Schritt, reicht für kleine Geldbeutel aber nicht aus. Einkommensschwache Eigenheimbesitzer brauchen Modelle, die Vorfinanzierungshürden komplett aus dem Weg räumen und den Eigenanteil vollständig abdecken.
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Wärmenetze konsequent ausbauen: Da viele Mieter auf Wärmenetze angewiesen sind, müssen Städte und Gemeinden die Wärmeplanung schneller vorantreiben und den Ausbau massiv unterstützen.
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Wärme als öffentliche Aufgabe begreifen: Energieversorgung gehört zur Daseinsvorsorge. Organisiert man die Sanierung und den Netzausbau zentraler, verteilt sich das Risiko besser und die Preise bleiben bezahlbar.
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Gemeinsam einkaufen, Kosten drücken: Wenn Wärmepumpen und Technik in großen Stückzahlen gemeinsam beschafft und betrieben werden, sinken die Preise für alle Beteiligten.
Das Instrumentarium aus Förderung und Beratung funktioniert für viele Gutverdiener bereits gut. Doch um den Rest der Gesellschaft mitzunehmen und die Kommunen bei der Sanierung öffentlicher Gebäude nicht alleinzulassen, muss die Politik jetzt gezielt nachschärfen.
