Die Landwirtschaft fit machen für den Klimawandel

Dieses diverse Wertholz-Agroforstsystem kombiniert Bäume mit Getreideanbau. Unter den Bäumen wächst ein Blühstreifen mit 40 Arten. Ergänzt wird das System punktuell durch Gemüse- und Beerensträucher in den Baumreihen. Copyright: Universität Münster

Agroforstwirtschaft kann durch die Kombination von Gehölzen mit Ackerkulturen und/oder Tierhaltung dazu beitragen, Böden zu schützen, Wasser in der Landschaft zu halten und landwirtschaftliche Betriebe an den Klimawandel anzupassen. Um solche Ansätze stärker in die Praxis zu bringen, bauen die Universität Münster, der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband, der Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft und die Joachim Herz Stiftung das agroforst innovate! center auf. Die Stiftung fördert das Vorhaben mit fünf Millionen Euro. In einem Landschaftslabor in Steinfurt werden neue wirtschaftlich tragfähige Lösungen unter realen Bedingungen erprobt und für andere Betriebe nutzbar gemacht.

Trockenperioden, Starkregen und die Verschlechterung der Bodenqualität stellen die Landwirtschaft vor große Herausforderungen. Gefragt sind Lösungen, die Wasser länger in der Landschaft halten, gesunde Böden fördern und zugleich unter betrieblichen Bedingungen funktionieren. Agroforstwirtschaft bietet dafür vielfältige Möglichkeiten. In Agroforstsystemen werden Bäume oder Sträucher gezielt mit Ackerbau, Weidewirtschaft oder Tierhaltung auf derselben Fläche kombiniert. Das schafft ökologische und wirtschaftliche Vorteile, beispielsweise einen besseren Schutz von Nutzpflanzen vor Wetterextremen, höhere Ertragsstabilität oder einen reduzierten Düngemittelverbrauch.

Trotzdem werden Agroforstsysteme in Deutschland bislang vergleichsweise selten praktisch umgesetzt. Die zentrale Herausforderung besteht darin, vorhandenes Wissen in praxistaugliche und wirtschaftlich sinnvolle Lösungen – wie Bewirtschaftungskonzepte, effiziente Pflege und Managementangebote oder funktionierende Geschäftsmodelle für landwirtschaftliche Betriebe – zu überführen.

Vom Forschungswissen zur tragfähigen Anwendung

Das neue agroforst innovate! center soll diese Lücke schließen. Dafür bringt das Center Vertreter:innen aus Wissenschaft, Landwirtschaft, Verbänden, Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen. So soll eine dauerhafte Transferstruktur entstehen, die wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen überführt.

Herzstück des Centers wird ein rund 50 Hektar großes Landschaftslabor auf dem Familienhof Große-Kleimann in Steinfurt. Dort werden unterschiedliche Agroforstansätze innerhalb eines bestehenden landwirtschaftlichen Betriebs etabliert und über längere Zeit wissenschaftlich begleitet. Geplant sind unterschiedlich gestaltete Agroforstgehölzstreifen auf Acker- und Weideflächen, auch kombiniert mit steuerbaren Drainagen und bewirtschafteten Feuchtgebieten sowie weiteren Bewirtschaftungsmaßnahmen, die zum Humusaufbau und zur Bindung von Kohlenstoff im Boden beitragen. Diese Aktivitäten werden als Gesamtsystem erprobt, das ökologische Wirkung mit technischer Machbarkeit, betrieblichen Anforderungen und wirtschaftlicher Tragfähigkeit zusammenführt.

Die Erfahrungen aus dem Landschaftslabor sollen in Planungsgrundlagen, Bildungs- und Beratungsangebote, Entscheidungshilfen sowie übertragbare Geschäftsmodelle einfließen. Damit sollen andere landwirtschaftliche Betriebe und Regionen erfolgreiche Lösungen leichter übernehmen und an ihre jeweiligen Bedingungen anpassen können.

Stimmen zum agroforst innovate! center

„Erst wenn auf wissenschaftliche Erkenntnisse der mutige Schritt in die praktische Umsetzung folgt, entfalten gute Ideen gesellschaftliche Wirkung. Mit dem agroforst innovate! center unterstützen wir einen Ansatz, der wissenschaftliches Potenzial mit unternehmerischem Denken verbindet und neue Perspektiven für eine zukunftsfähige Landwirtschaft eröffnet. Was im Münsterland beginnt, soll künftig auch für andere Regionen nutzbar werden“, so Prof. Dr.-Ing. Dr. Sabine Kunst, Vorstandsvorsitzende der Joachim Herz Stiftung.

„Das agroforst innovate! center bietet dank der großzügigen Förderung durch die Joachim Herz Stiftung nun eine einzigartige Chance für die Landwirtschaft, Boden-, Klima- und Landschaftsqualität entscheidend zu verbessern und dies ganz praxisnah wissenschaftlich zu begleiten“, unterstreicht Prof. Tillmann Buttschardt, Leiter der Arbeitsgruppe „Angewandte Landschaftsökologie und Ökologische Planung“ an der Universität Münster.

„Von vielen Praxisbetrieben habe ich gelernt: Wissen sowie Wirkung gehen niemals getrennt voneinander. Nun ist es unsere Aufgabe und besondere Chance, beides zusammenzuführen und zu multiplizieren“, erläutert Thomas Middelanis, designierter Geschäftsführer des agroforst innovate! center.

Dauerhafte Strukturen für den Wissenstransfer

Die Joachim Herz Stiftung fördert den Aufbau und die Durchführung des agroforst innovate! center mit insgesamt fünf Millionen Euro bis einschließlich 2035. Das Zentrum wird als privatrechtlich organisierte, gemeinnützige Transferstruktur in der Rechtsform einer GmbH aufgesetzt. In dieser Struktur wollen die Universität Münster, der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband, der Deutsche Fachverband für Agroforstwirtschaft und die Joachim Herz Stiftung ihre sich ergänzenden Kompetenzen bündeln. So verfügt das Zentrum über die notwendige Flexibilität, um Projekte eigenverantwortlich umzusetzen und langfristig tragfähige Strukturen für den Wissenstransfer aufzubauen. Die Einzelheiten der Förderung und der Zusammenarbeit in der gGmbH werden derzeit vertraglich ausgestaltet. Im Januar 2027 soll das agroforst innovate! center seine Arbeit aufnehmen.