Trockenheit ist längst mehr als ein Problem für Landwirtschaft und Wälder. Sinkende Wasservorräte gefährden Industrie, Energieversorgung und Infrastruktur. Die wirtschaftlichen Folgen könnten bis 2050 Hunderte Milliarden Euro kosten.
Es hat in Deutschland geregnet – nicht viel aber immerhin. Die Böden sind wieder feucht, Bäche führen Wasser, und die Natur scheint sich zu erholen. Doch der Eindruck täuscht gewaltig. Denn ein kräftiger Schauer füllt nicht automatisch die tiefen Wasserspeicher auf, aus denen wir unser Trinkwasser gewinnen und die Flüsse, Wälder und Ökosysteme auch in trockenen Monaten versorgen.
Wie ernst die Lage ist, zeigen Messungen aus dem All. Die Satellitenmissionen GRACE und GRACE-FO erfassen Veränderungen des Erdschwerefelds, aus denen Forschende auf Veränderungen der Wasserspeicherung schließen können. Ihre Daten zeigen: Ende 2025 fehlten Deutschland rund 25 Milliarden Tonnen Wasser im Vergleich zum Durchschnitt seit 2002. Das entspricht 25 Kubikkilometern. Ein Jahr zuvor hatten überdurchschnittliche Niederschläge die Speicher noch vorübergehend aufgefüllt. Danach ging es wieder abwärts, so GFZ in Potsdam.
Die Zahl beschreibt nicht einfach einen leeren Grundwassertank. Erfasst werden Veränderungen der gesamten Wasserspeicherung an und unter der Erdoberfläche. Dazu gehören neben dem Grundwasser auch Wasser in Böden und weiteren Speichern. Doch gerade der langfristige Trend gibt Anlass zur Sorge: Deutschland verliert Wasser. Und mit jedem trockenen Jahr wächst die Frage, wie gut wir mit dieser Entwicklung umgehen können.
Das Wasser wird zum Risiko für die Wirtschaft
Wasserknappheit verbinden viele Menschen mit ausgetrockneten Feldern, vertrockneten Wäldern oder Einschränkungen beim privaten Verbrauch. Für Unternehmen reicht das Problem weit darüber hinaus. Wasser wird in der Produktion gebraucht, dient der Kühlung von Anlagen und beeinflusst Transportwege. Fehlt es, können Lieferketten ins Stocken geraten und Produktionskosten steigen. Besonders sichtbar wird das bei Niedrigwasser auf dem Rhein. Der Fluss ist eine zentrale Verkehrsader für die deutsche Industrie. Sinkt sein Pegel, können Frachtschiffe weniger Ladung aufnehmen. Unternehmen müssen Transporte aufteilen, auf andere Verkehrsträger ausweichen oder mit Verzögerungen rechnen. Das verteuert die Versorgung mit Rohstoffen und Vorprodukten – von chemischen Grundstoffen bis zu Baustoffen.
Die Energieversorgung ist betroffen
Kraftwerke und Industrieanlagen benötigen Kühlwasser. Steigen die Wassertemperaturen oder sinken die Pegel zu stark, können Umweltauflagen und technische Grenzen die Leistung einschränken. In trockenen Phasen fällt zudem die Wasserkraft in Teilen Europas schwächer aus. Welche Auswirkungen das auf die Strompreise hat, hängt allerdings auch von der übrigen Versorgungslage ab. Das Problem liegt nicht allein in einzelnen Dürresommern. Unternehmen müssen sich auf größere Schwankungen einstellen und ihre Abläufe widerstandsfähiger machen. Wer Wasser als jederzeit verfügbare Ressource behandelt, übersieht ein Risiko, das sich längst in den Geschäftsalltag hineinfrisst.
Hunderte Milliarden Euro stehen auf dem Spiel
Wie teuer es werden kann, wenn Deutschland seinen Wasserhaushalt nicht stabilisiert, hat die Boston Consulting Group gemeinsam mit dem Naturschutzbund Deutschland untersucht. Die Studie *Every Drop Counts* beziffert die möglichen volkswirtschaftlichen Kosten von Wasserverlust, Trockenheit und Wasserverschmutzung bis 2050 auf 500 bis 625 Milliarden Euro. Das wären jährlich rund 20 bis 25 Milliarden Euro, wenn die Entwicklung ohne ausreichende Gegenmaßnahmen weitergeht.
Dabei handelt es sich um eine Modellrechnung, nicht um eine bereits feststehende Rechnung für die kommenden Jahrzehnte. Sie macht aber deutlich, welche Größenordnung auf dem Spiel steht. Schäden an Gebäuden und Verkehrswegen, Ernteausfälle, Produktionsprobleme und Belastungen für Ökosysteme summieren sich. Wasserknappheit ist damit nicht nur eine ökologische Herausforderung. Sie berührt die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Die Studie zeigt zugleich, dass Gegensteuern wirtschaftlich sinnvoll sein kann. Die Autoren schätzen den Investitionsbedarf für gezielte Maßnahmen auf insgesamt 15 bis 20 Milliarden Euro. Entscheidend ist, wie wir mit Regenwasser umgehen: Fließt es schnell über versiegelte Flächen und entwässerte Böden ab, fehlt es später dort, wo es gebraucht wird. Bleibt es länger in der Landschaft, kann es Böden und Grundwasserspeicher auffüllen.
Böden schrumpfen, Gebäude und Straßen nehmen Schaden
Die Folgen trockener Böden reichen bis unter Häuser, Straßen und Schienen. Besonders tonhaltige Böden können sich bei lang anhaltender Trockenheit zusammenziehen. Dadurch verändern sich ihre Tragfähigkeit und ihr Volumen. Gebäude können Risse bekommen, Fundamente sich ungleichmäßig setzen. Auch Straßen und andere Verkehrswege leiden unter wechselnden Feuchte- und Temperaturbedingungen. In Frankreich gelten durch Bodenschrumpfung verursachte Schäden an Gebäuden seit Jahren als großes Versicherungsproblem.
Solche Schäden zeigen, dass sich Klimarisiken nicht nur in spektakulären Ereignissen wie Überschwemmungen oder Stürmen äußern. Sie entstehen auch langsam, unter der Oberfläche – und werden oft erst sichtbar, wenn die Reparatur teuer wird. Für den Straßen- und Tiefbau bedeutet das eine doppelte Herausforderung. Einerseits müssen Verkehrswege Hitze und längeren Trockenphasen standhalten. Andererseits braucht es Lösungen, die Wasser besser in der Fläche halten, statt es möglichst schnell abzuleiten. Angepasste Baustoffe und Bauweisen können dabei helfen, ersetzen aber keine vorausschauende Planung des Wasserhaushalts.
Das Wasser muss in der Landschaft gehalten werden
Die Satellitendaten des GFZ zeigen, wie stark sich die Wasserspeicherung in Deutschland verändert hat. Sie liefern allerdings keine Detailaufnahme einzelner Grundstücke oder Gemeinden: Ihre räumliche Auflösung liegt bei ungefähr 250 mal 250 Kilometern. Für konkrete Entscheidungen vor Ort braucht es deshalb zusätzlich Messungen und Daten aus der Region. Was sind die Konsequenzen? Städte können Regenwasser in Grünflächen, Mulden und Teichen zurückhalten, statt es unmittelbar in die Kanalisation zu leiten. Das schon so oft angeführte Prinzip der Schwammstadt soll Wasser aufnehmen, speichern und in Trockenphasen wieder verfügbar machen. Auf dem Land geht es unter anderem um humusreiche Böden, angepasste Landwirtschaft, widerstandsfähige Wälder und eine Entwässerung, die Wasser nicht unnötig aus der Landschaft entfernt.
Solche Maßnahmen brauchen allerdings Platz, Planung und Geld. Sie müssen außerdem zu den örtlichen Böden, dem Gelände und den jeweiligen Nutzungen passen. Eine Lösung, die in einer Stadt funktioniert, lässt sich nicht ohne Weiteres auf einen landwirtschaftlich geprägten Landkreis übertragen. Und dabei wird schnell deutlich, dass sich mit einzelnen Sparmaßnahmen und kurzfristigen Reaktionen auf Dürreperioden das Problem nicht lösen läßt. Deutschland muss Wasser wieder stärker als Teil seiner natürlichen und wirtschaftlichen Infrastruktur begreifen. Dazu gehören verlässliche Daten, eine bessere Abstimmung zwischen Kommunen, Landwirtschaft und Unternehmen sowie Investitionen, die Regen nicht nur ableiten, sondern als Ressource nutzen.
