Extremwetterereignisse, Luftverschmutzung und Lärm sind mit erhöhten Risiken für die psychische Gesundheit und Veränderungen der Gehirnfunktion verbunden. Auch der Verlust von Biodiversität kann die psychische Gesundheit beeinträchtigen; die direkte Evidenz hierzu ist jedoch begrenzter. Dennoch wird die psychische Gesundheit bei umwelt- und stadtplanerischen Entscheidungen bislang kaum berücksichtigt. Die Earth–Brain–Health Commission (EBHC) fordert nun ein grundlegendes Umdenken: Mit einer jetzt veröffentlichten Zehn-Jahres-Agenda mahnt das Gremium Regierungen, Kommunen und Förderinstitutionen dazu, mentale Gesundheit künftig als festen Standard in der Umwelt-, Stadt- und Klimapolitik zu verankern.
Wie die Kommission darlegt, treten Umweltbelastungen wie Hitzeextreme, Überschwemmungen oder städtischer Dauerstress selten isoliert auf. Sie treten häufig in denselben Regionen und bei besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen gemeinsam auf und sind über die gesamte Lebensspanne hinweg mit Angststörungen, Depressionen, traumabezogenen Störungen und kognitivem Abbau verbunden. Die Stärke der Evidenz variiert nach Belastung und Bevölkerungsgruppe; viele Befunde sind korrelativ, und die kausalen Mechanismen sind bislang nur teilweise geklärt.
Obwohl solide Daten aus Erdbeobachtung, Klimamodellen und Kohortenstudien vorhanden seien, fließen Erkenntnisse zur psychischen Gesundheit an den entscheidenden Schnittstellen der Umwelt- und Stadtplanung bisher selten ein. Die wichtigsten Hürden für wirksame Schutzmaßnahmen liegen nach Ansicht der Forschenden daher in organisatorischen und finanziellen Trennlinien zwischen den verschiedenen Ressorts. Die vorhandene Evidenz erlaubt bereits Maßnahmen, deren Wirksamkeit zugleich systematisch untersucht werden sollte.
„Klimadienste, Frühwarnsysteme und Anpassungspläne sind international bereits gut etabliert, wurden jedoch historisch nicht mit Blick auf die psychische Gesundheit entwickelt“, betont Prof. Dr. Jürg Luterbacher, der von 2020 bis 2024 als Direktor für Wissenschaft und Innovation sowie als Chefwissenschaftler bei der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) tätig war. „Viele Maßnahmen, die das psychische Wohlbefinden schützen können, liegen außerhalb des klassischen Gesundheitssektors – etwa in der Raumplanung, im Wohnungsbau, im Verkehrswesen und in der Umweltregulierung. Genau deshalb müssen Indikatoren für mentale Gesundheit integraler Bestandteil davon werden, wie umwelt- und klimabezogene Entscheidungen bewertet und ihre Auswirkungen erfasst werden.“
Die Kommission empfiehlt, dass innerhalb eines Jahrzehnts keine wesentliche Umwelt-, Stadt- oder Klimamaßnahme mehr geplant oder bewertet wird, ohne die Gesundheit des Gehirns und die psychische Gesundheit als Ziel- und Bewertungsgrößen einzubeziehen. Dazu sollen Indikatoren für psychische Gesundheit in Klimapläne, Umweltverträglichkeitsprüfungen und Stadtplanung integriert werden. Bestehende Frühwarnsysteme für Hitze oder Luftschadstoffe sollen künftig mit präventiven Unterstützungsangeboten für die psychische Gesundheit gekoppelt und bestehende Bevölkerungsstudien systematisch um harmonisierte Daten zur Umweltbelastung angereichert werden.
Besonderes Augenmerk legt der Bericht auf soziale Gerechtigkeit
Da einkommensschwächere Regionen und benachteiligte Gruppen den Umweltkrisen oft am stärksten ausgesetzt sind, müssen Maßnahmen gezielt dort ansetzen und gemeinsam mit den Betroffenen gestaltet werden. Zu den acht Empfehlungen gehören auch die transparente und faire Nutzung von KI sowie Indikatoren für Wohlbefinden und planetare Gesundheit als Ergänzung zum Bruttoinlandsprodukt. Um die Umsetzung weltweit voranzutreiben, schlägt die Kommission zudem den Aufbau eines globalen Forschungsfonds und eines Observatoriums für Umweltneurowissenschaften vor.
