Eine internationale Studie mit Beteiligung der Universität Bern zeigt am Beispiel des Iseo-Sees in Norditalien, wie menschliche Landnutzung über Jahrhunderte die Tsunamigefahr in großen Seen erhöhen kann. Durch die verstärkte Abtragung von Boden lagert sich mehr Sediment an Flussdeltas ab, wodurch Unterwasserhänge instabil werden und bei Erdbeben abrutschen können. Die Ergebnisse sind wichtig für den Schutz dicht besiedelter Seeufer.
Große Seen werden normalerweise nicht mit Tsunamis in Verbindung gebracht. Doch auch in Seen
können unterseeische Hänge abrutschen und dabei grosse Wassermengen verdrängen. Dadurch
entstehen Wellen, die sich innerhalb kurzer Zeit über den See ausbreiten und an den Ufern erhebliche
Schäden verursachen können. In welchem Ausmaß menschliche Eingriffe die Tsunamigefahr in
großen Seen weltweit erhöhen, war bisher unklar.
Eine neue internationale Studie unter der Leitung der Université Savoie Mont Blanc (FR) und unter
Beteiligung der Universität Bern zeigt nun am Beispiel des Iseo-Sees in Norditalien, dass auch
menschliche Aktivitäten die Gefahr für Tsunamis über lange Zeit verstärken können. Landwirtschaft,
Viehzucht, Abholzung, Siedlungsbau und andere Formen der Landnutzung destabilisieren die
natürlichen Böden und beschleunigen die Bodenerosion. Dadurch gelangt mehr Sediment in die Seen
und lagert sich an den Deltas ab. Die Ergebnisse machen deutlich, dass die langfristigen Folgen menschlicher Eingriffe bei der Einschätzung von Naturgefahren an großen Seen berücksichtigt werden müssen. Die Studie wurde in Nature Communications veröffentlicht.
Historische Spuren enthüllen Tsunamis im Iseo-See
Für ihre Studie untersuchten die Forschenden den Iseo-See in Norditalien, den viertgrössten See am
südlichen Rand der Alpen, wo jahrhundertelange menschliche Aktivitäten zu wiederholten
katastrophalen Einstürzen der Delta-Hänge beigetragen haben. Anhand einer Kombination aus
geologischen Aufzeichnungen, fortschrittlichen Computersimulationen sowie historischen und
archäologischen Belegen rekonstruierten sie zwei verheerende Tsunamis, die durch Erdbeben in den
Jahren 1117 und 1222 n. Chr. ausgelöst wurden.
«Der Iseo-See bietet ein einzigartiges natürliches Archiv: Hier können wir geologische Spuren mit historischen Berichten verbinden und dadurch nachvollziehen, wie sich diese katastrophalen Ereignisse abgespielt haben», sagt Flavio Anselmetti, Professor am Institut für Geologie der Universität Bern und Mitautor der Studie.
