Wie Material einer Region wieder in den Alltag zurückkehrt

Foto: Freie Universität Bozen – Libera Università di Bolzano

Im Projekt MICST entwickeln Forschende der Freien Universität Bozen neue Verwendungsmöglichkeiten für Nebenprodukte der Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion. Eines der Ergebnisse daraus feiert kommende Woche auf der Messe Hotel 2026 Premiere: Gästepantoffeln aus Wolle von Südtiroler Schafen, die in Zusammenarbeit des Design Friction Lab der unibz mit der Filzmanufaktur HAUNOLD alpine wool handcraft und dem Kreativatelier PRIMA entstanden sind.

Auf den Hängen oberhalb vieler Südtiroler Hotels weiden Schafe, unten schlüpfen Gäste jeden Abend in Einwegpantoffeln, die sie am nächsten Morgen wegwerfen. Zwei Realitäten, die das Design Friction Lab der unibz miteinander verknüpft hat – mit der Entwicklung von Gästepantoffeln, die zu 100 Prozent aus Südtiroler Schafwolle gefertigt werden.

„Laut einem Bericht der New York Times könnten nach den Plastikstrohhalmen auch Einweg-Hotelpantoffeln verstärkt in den Fokus von Nachhaltigkeitsinitiativen rücken“, sagt Prof. Nitzan Cohen, Gründer und Leiter des Labors für Materialinnovation und offene, demokratische Technologie der Freien Universität Bozen.

„Denn sie sind synthetisch, in Plastik verpackt, werden eine Nacht getragen und dann entsorgt.“ Bei zuletzt 9 Millionen Gästeankünften und 38,2 Millionen Übernachtungen in Südtirol würden allein dadurch riesige Abfallmengen entstehen.

Um diese zu reduzieren, kommt im Projekt ein weiteres Abfallprodukt zum Einsatz. Jedes Jahr werden in Südtirol rund 100 Tonnen Wolle geschoren. Etwa 90 % davon werden weggeworfen, weil die Rohwolle weniger wert ist, als ihre Verarbeitung kostet. Wolle ohne Verwendung hat keinen Wert, und wenn die Wolle keinen Wert hat, haben Bäuerinnen und Bauern einen Grund weniger, Schafe in den Bergen zu halten. Neue Anwendungen und neue Märkte für sie zu finden, ist Teil des Projekts MICST (Materials-based Innovation as Catalyst for a Sustainable Transition into Circularity in South Tyrol).

Im angewandten Forschungsprojekt, das von der Autonomen Provinz Bozen finanziert wird, werden mit unterschiedlichen Partnern neue Verwertungsmöglichkeiten für agroindustrielle Nebenprodukte aus der Region entwickelt – darunter Wolle, Molke, Apfelblüten sowie Reststoffe aus Brauereien und Brennereien. Für das Pantoffelprojekt arbeitet das Design Friction Lab mit der Innichner Filzmanufaktur HAUNOLD alpine wool handcraft der Familie Zacher sowie mit PRIMA, dem Bozner Kreativatelier für Hotellerie und Gastronomie, zusammen.

Für die Produktion der Pantoffel wird Wolle von drei heimischen Rassen, Bergschaf, Villnösser Brillenschaf und Tiroler Steinschaf, unsortiert verarbeitet. Jeder Pantoffel wird aus einem einzigen Stück gewalktem Filz aus reiner Schafwolle gefertigt, ohne Naht und ohne Kleber. Pins aus recycelten Wasserflaschen, die an die Ohrmarken der Schafe erinnern, halten jedes Paar zusammen und passen die Weite an. Der Pantoffel ist warm, antibakteriell und biologisch abbaubar. Gäste können ihn mit nach Hause nehmen, und mit ihm die Geschichte seiner Herkunft.

„Innovation beginnt hier mit dem, was Südtirol schon hat: Wolle aus den Bergen und ein Handwerk, das sie seit fast 500 Jahren verarbeitet. Unsere Forschung erschließt beiden einen neuen Markt. Der Pantoffel ist ein kleines Objekt, mit dem das Material einer Region in den einfachen Alltag zurückkehrt“, sagt Prof. Nitzan Cohen.