
Wenn Arten aus Flüssen und Seen verschwinden – können sie eines Tages zurückkehren? Das fragt Prof. Dr. Sonja C. Jähnig. Sie erforscht am Research Center One Health Ruhr, wie sich geschädigte Süßwasserökosysteme erholen, wie sie ihre Artenvielfalt zurückgewinnen können und welche Bedeutung gesunde Gewässer für unser Wohlbefinden haben. Damit schließt sich für die neuberufene Professorin an der Universität Duisburg-Essen ein Kreis: Schon ihr Studium und ihre Promotion absolvierte sie einst hier.
Wie würden Sie Ihre Forschung in wenigen Sätzen zusammenfassen?
Ich erforsche, wie sich Flüsse, Seen und andere Süßwasserökosysteme unter dem Einfluss des globalen Wandels verändern – und wie wir ihre biologische Vielfalt besser schützen und wiederherstellen können. Mich interessiert, was diese Veränderungen für uns Menschen bedeuten. Gesunde Gewässer liefern sauberes Wasser, schützen vor Hochwasser, bieten Nahrung und Erholungsräume und haben für viele Menschen eine große kulturelle und emotionale Bedeutung. Meine Forschung verbindet daher Biodiversitätsforschung mit Fragen der menschlichen Gesundheit und des gesellschaftlichen Wohlergehens.
Welche Themen liegen Ihnen besonders am Herzen?
Besonders wichtig ist mir, wie wir vom Dokumentieren des Biodiversitätsverlusts stärker zum Verstehen von Erholung kommen: Wo funktionieren Maßnahmen zur Renaturierung, wo nicht – und warum? Dabei interessieren mich etwa große Süßwassertiere (Störe, Lachse oder Biber), weil sie Ökosysteme stark prägen können, aber auch die Bedeutung von Land-Wasser-Schnittstellen und der Vernetzung von Flüssen und Auen.
Gibt es weitere Themen?
Ja, am Herzen liegt mir zudem die Beziehung zwischen Menschen und Gewässern. Wir betrachten Biodiversität oft vor allem naturwissenschaftlich. Arten und Gewässer sind für uns aber auch kulturell, emotional und gesundheitlich wichtig. Ich möchte verstehen, wie solche Beziehungen zum Schutz von Biodiversität beitragen können – und wie intakte und vielfältige Gewässer menschliches Wohlbefinden fördern.
Welche Pläne haben Sie an der Universität Duisburg-Essen?
An der Universität Duisburg-Essen (UDE) möchte ich die Forschung zur Gesundheit des Ökosystems (‚Freshwater Ecosystem Health‘) aufbauen und drei Bereiche eng miteinander verbinden: die Dynamik von Veränderungen von Biodiversität, die Beiträge von Gewässerökosystemen für Menschen sowie die kulturellen und gesundheitlichen Dimensionen der Biodiversität.

Haben Sie ein Beispiel dazu?
Ich werde untersuchen, wo Renaturierung besonders wirksam sein kann und welche Rolle die Schnittstellen zwischen Gewässern und Land spielen. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf großen Süßwasserarten und gebietsfremden Arten liegen. Parallel möchte ich die kulturelle Bedeutung von Süßwasserarten und -ökosystemen systematisch neu erfassen. An der UDE und im RC One Health Ruhr der Universitätsallianz Ruhr kann ich dafür aus Gewässerökologie, Mikrobiologie, Ökotoxikologie und Neurowissenschaften verschiedene Kompetenzen zusammenführen. Zudem plane ich Kooperationen mit den Sozialwissenschaften, etwa zur Wahrnehmung von Biodiversität und zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Renaturierung.
Warum haben Sie sich für die UDE entschieden?
Besonders überzeugt hat mich, hier ‚normale‘ Biodiversitäts- und Ökosystemforschung mit neuen Perspektiven auf menschliche Gesundheit und gesellschaftliches Wohlergehen verbinden zu können. Das RC One Health Ruhr bietet dafür ein ungewöhnlich interdisziplinäres Umfeld. Zugleich besitzt die UDE eine sehr starke und breit aufgestellte Gewässerforschung – von Mikroorganismen über Ökotoxikologie, Biodiversität bis zur Betrachtung ganzer Flusseinzugsgebiete. Das ist für mich ideal: Viele der großen Herausforderungen unserer Zeit lassen sich nicht innerhalb einer einzelnen Disziplin lösen. Wenn wir verstehen wollen, was eine Flussrenaturierung erfolgreich macht, müssen wir nicht nur Arten und ökologische Prozesse betrachten, sondern auch Wasserqualität, Schadstoffe, menschliche Nutzung und letztlich die Menschen selbst.
Was sollten Ihre Studenten über Sie wissen?
Ich versuche Lehre möglichst interaktiv zu gestalten – mit Diskussionen, eigenen Projekten, Datenanalysen und Exkursionen. Gerade in der Ökologie finde ich die Verbindung zwischen Theorie, Daten und der Beobachtung im Gelände besonders wichtig. Studierende sollen nicht nur Fakten lernen, sondern wissenschaftliches Denken und eigenständiges Arbeiten. Das sehe ich als hilfreich für alles, was auch immer nach dem Studium kommt. Dazu gehören für mich auch Fähigkeiten wie kritisches Denken, Datenanalyse, wissenschaftliche Kommunikation und Teamarbeit.
Das Interview führte Dr. Alexandra Nießen
