Die Erwärmung des Nordatlantiks verändert die Grundlagen des Lebens im Ozean dramatisch. Neue Langzeitstudien zeigen, dass sich die Zusammensetzung des Planktons verschiebt, Fischbestände inzwischen deutlich unter Druck geraten – mit deutlichen Folgen für die Seevögel, aber auch für die Fischerei und zu guter Letzt auch für die menschliche Ernährungssicherheit.
Die Wassertemperaturen des Nordatlantiks steigen an und auch die jahreszeitliche Durchmischung des Wassers verändert sich; mit ihr verändern sich auch die Lebensbedingungen für das Plankton. Und damit verändert sich fast alles: Mehrere aktuelle Untersuchungen zeichnen ein Bild, das weit über einzelne Arten hinausgeht. Das Nahrungsnetz des Meeres beginnt sich komplett neu zu ordnen. Manche Organismengruppen werden zahlreicher, andere verlieren fast an Bedeutung. Die Funktionsfähigkeit ganzer Lebensgemeinschaften verändert sich.
Eine am gestrigen 5. November 2026 veröffentlichte Studie des britischen Centre for Environment, Fisheries and Aquaculture Science (Cefas) liefert dafür neue Hinweise. Ein internationales Forschungsteam untersuchte mehr als 180.000 Proben aus einem Zeitraum von 43 Jahren. Die Daten stammen aus den Gewässern rund um Großbritannien und weiteren Teilen des Nordostatlantiks. Die Wissenschaftler betrachteten vier zentrale Gruppen: Phytoplankton, Zooplankton, wirbellose Bodenorganismen und Fische. Bis zur Mitte des Jahrhunderts könnte die Artenvielfalt bei Fischen und wirbellosen Tieren, so die Wissenschaftler weiter, am Meeresboden regional um etwa zwölf Prozent zunehmen. Bei Phytoplankton und Zooplankton erwarten sie dagegen Rückgänge von ungefähr drei beziehungsweise sieben Prozent.
Die genannten Zahlen beschreiben zunächst die Vielfalt der Arten und nicht die Gesamtmenge der vorhandenen Lebewesen. Doch gerade diese gegenläufige Entwicklung bereitet den Wissenschaftlern Sorgen. Denn Fische können neue Arten hinzugewinnen, während ihre Nahrungsgrundlage gleichzeitig an Vielfalt verliert.
„Wenn die Vielfalt der Räuber zunimmt, während die Vielfalt ihrer Beute abnimmt, kann das die Nahrungskette durcheinanderbringen“, erklärt Dr. Lily Greig vom Cefas, die die Untersuchung mit geleitet hat.
Die Ergebnisse zeigten, dass der Klimawandel die biologische Vielfalt entlang des Nahrungsnetzes sehr unterschiedlich verändert. Mehr Arten in einer Gruppe bedeuteten keineswegs, dass das gesamte Ökosystem widerstandsfähiger werde.
Das Fundament des Lebens im Meer gerät ins Rutschen
Um die Tragweite dieser Entwicklung wirklich zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die kleinsten Bewohner des Ozeans. Das sogenannte Phytoplankton besteht aus mikroskopisch kleinen Algen, die Sonnenlicht für die Photosynthese nutzen. Sie erzeugen organische Substanz und bilden damit die Grundlage für das Leben im Meer. Sie sind dann die Ernährungsgrundlage für das Zooplankton, beispielsweise winzige Ruderfußkrebse, die sich von diesen Algen ernähren und die wiederum die Nahrungsgrundlage für Fischlarven und kleine Schwarmfische bilden. Aus diesen unscheinbaren Organismen entsteht eine Nahrungskette, die bis zu den großen Räubern des Meeres reicht. Heringe, Makrelen und Sandaale sind ebenso auf ein ausreichendes Nahrungsangebot angewiesen wie zahlreiche Seevögel, Robben und Wale.
Wie empfindlich dieses System auf Veränderungen reagiert, zeigt eine weitere Untersuchung aus Plymouth. Am 3. November 2026 stellte das Plymouth Marine Laboratory eine Studie vor, die 35 Jahre mikroskopische Planktonbeobachtungen mit elf Jahren Umwelt-DNA-Analysen verbindet. Die Wissenschaftler konnten damit Veränderungen in der Zusammensetzung der Planktongemeinschaft genauer nachvollziehen. Besonders auffällig ist der Rückgang bestimmter Ruderfußkrebse, der sogenannten Copepoden. Einige dieser Arten ernähren sich bevorzugt von größeren Phytoplanktonzellen. Andere, kleinere Organismen können dagegen auch feinste Nahrungspartikel aufnehmen und verwerten. Sie kommen mit den veränderten Bedingungen offenbar besser zurecht.
Dr. Karen Tait, Mikrobiologin und Leiterin der Untersuchung vom Plymouth Marine Laboratory (PML), beschreibt den Wandel als eine Entwicklung, bei der Veränderungen an den kleinsten Stellen des Nahrungsnetzes nach oben durchschlagen.
„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Veränderungen in den kleinsten Bestandteilen des Nahrungsnetzes kaskadenartig nach oben wirken und beeinflussen, welche Zooplanktonarten gedeihen und welche zurückgehen“, sagt Tait. Entscheidend seien dabei vor allem die unterschiedlichen Ernährungsweisen der Arten.
Das klingt zunächst nur nach einem biologischen Detail. Tatsächlich aber geht es um eine grundlegende Veränderung der Energieversorgung des Meeres. Wenn größere Algen und ihre Konsumenten zurückgehen, während gleichzeitig kleinere Organismen an Bedeutung gewinnen, kann sich die Weitergabe von Energie an Fische und andere höhere Ebenen der Nahrungskette verändern. Das Meer produziert dann nicht einfach weniger Leben. Es produziert möglicherweise ein ganz anderes.
Tait warnt deshalb vor Folgen, die weit über das Plankton hinausreichen: Die Veränderungen könnten die Qualität der Nahrung für andere Meeresbewohner beeinträchtigen, die Größe und Bestände von Fischen verändern und die Produktivität der Fischerei verringern. Und selbst die Fähigkeit des Ozeans, Kohlenstoff in die Tiefsee zu transportieren, könnte darunter leiden. Ein im schneller werdenden Klimawandel erschreckendes Szenario.
Die Zeitpläne kommen durcheinander
Nicht nur die Zusammensetzung des Planktons verändert sich. Auch der Zeitpunkt, zu dem es in großen Mengen auftritt, verschiebt sich. Was geschieht? Im Frühjahr erwärmen sich die oberen Wasserschichten. Licht und Nährstoffe ermöglichen dann eine starke Vermehrung des Phytoplanktons, die sogenannte Frühjahrsblüte. Sie bildet seit jeher einen wichtigen Ausgangspunkt für die Nahrungsversorgung vieler Meeresorganismen. Fischlarven sind darauf angewiesen, dass zur richtigen Zeit genügend Zooplankton vorhanden ist. Doch wenn sich die Frühjahrsblüte nach vorn verschiebt, kann diese zeitliche Abstimmung verloren gehen. Das Phytoplankton erreicht seinen Höhepunkt möglicherweise Wochen zu früh, während die Fischlarven weiterhin zu einem späteren Zeitpunkt schlüpfen. Sie träfen dann auf ein Nahrungsangebot, das bereits wieder abnimmt.
Eine Untersuchung des Marine Climate Change Impacts Partnership (MCCIP), die im Juli 2026 vorgestellt wurde, beschreibt dies als ein wachsendes Problem in den Gewässern rund um Großbritannien und Irland. Auch die Zusammensetzung der Planktongemeinschaft verschiebt sich deutlich. Prof. Angus Atkinson vom Plymouth Marine Laboratory gehört zu den Autoren des Berichts. Er verweist vor allem auf den Wert langfristiger Beobachtungen.
„Die Ergebnisse dieses Berichts zeigen sowohl den Wert langfristiger Messprogramme wie des Western Channel Observatory als auch die Dringlichkeit, solche Programme weltweit aufrechtzuerhalten“, sagt Atkinson. Nur wenn Wissenschaftler Veränderungen über Jahrzehnte verfolgen, können sie natürliche Schwankungen von langfristigen klimatischen Entwicklungen unterscheiden.
Wenn allerdings Wissenschaft auf Politik und Verwaltung trifft, kann es auch zu Problemen kommen: So stehen einige der langjährigen Messreihen im Nordostatlantik inzwischen unter finanziellem Druck. Auch wurden einige Programme inzwischen unterbrochen und die Forscher verlieren einen Teil ihrer Fähigkeit, Veränderungen frühzeitig zu erkennen.
Folgen für die Fischerei und Tierwelt
Was am Anfang der Nahrungskette geschieht, bleibt natürlich auch nicht ohne Folgen für größere Tiere. Heringe beispielsweise ernähren sich in frühen Lebensstadien von Zooplankton. Finden ihre Larven aber nicht genügend geeignete Nahrung, wachsen sie deutlich langsamer oder überleben seltener. Das kann sich Jahre später in schwächeren Fischjahrgängen niederschlagen. Eine Untersuchung des Thünen-Instituts für Seefischerei in Bremerhaven hat diese Zusammenhänge für die Nordsee genauer betrachtet. Sie zeigt, dass die Ernährungsbedingungen für Heringslarven unter veränderten Klimabedingungen schwieriger werden können, da höhere Temperaturen ihren Energiebedarf steigern. Gleichzeitig muss ausreichend geeignetes Zooplankton zur Verfügung stehen, damit die Tiere wachsen und überleben können.
Noch deutlicher zeigt sich eine solche Abhängigkeit bei den Sandaalen. Die kleinen Schwarmfische gehören zu den wichtigsten Nahrungsquellen für zahlreiche Seevögel im Nordatlantik. Wenn ihre Bestände unter Druck geraten, trifft das Arten, die während der Brutzeit auf ein verlässliches Nahrungsangebot angewiesen sind. Eine Langzeituntersuchung zu Seevögeln im Nordatlantik und in der Arktis beschreibt bereits Veränderungen ihrer Fortpflanzungserfolge. Viele dieser Arten nutzen nur ein begrenztes Spektrum an Beutefischen. Anders als Generalisten können sie bei einem Rückgang ihrer bevorzugten Nahrung dann nicht ohne Weiteres auf andere Arten ausweichen.
Auch für die Fischerei ist diese Entwicklung von Bedeutung
Die Produktivität eines Bestands hängt nicht allein davon ab, wie viele erwachsene Fische vorhanden sind oder wie intensiv gefischt wird. Entscheidend ist ebenso, wie gut sich die Tiere ernähren können und wie viele Jungfische tatsächlich heranwachsen. Wenn sich diese Bedingungen über längere Zeit verschlechtern, kann das die wirtschaftliche Grundlage ganzer Fischereiregionen verändern.
