Es beginnt oft mit Wasser. Es fällt vom Himmel, erst stärker, dann immer stärker. Straßen werden zu Bächen, Keller laufen voll, Bäume stürzen um. Irgendwann reicht ein Blick aus dem Fenster nicht mehr, um die Lage einzuschätzen. Was danach passiert, entscheidet sich nicht erst in diesem Moment. Es hängt davon ab, wie eine Stadt geplant ist, wie Gewässer geführt werden, ob Warnungen die Menschen erreichen, wie gut ein Krankenhaus vorbereitet ist und ob ein Unternehmen auch dann noch arbeiten kann, wenn eine Straße überflutet oder eine Lieferkette unterbrochen wird.
Genau um diese Frage ging es am 17. September in Osnabrück. Beim Fachkongress „Klimarisiken managen – Wie Kommunen und Unternehmen handlungsfähig bleiben“ trafen sich bei der Deutschen Bundesstiftung Umwelt Wissenschaftler, Kommunen, Unternehmen, Katastrophenschützer und Vertreter des Gesundheitswesens. Veranstalter waren Klima-Frieden Osnabrück und Osnabrücker Land, die Hochschule Osnabrück, das Europäische Institut für Luftqualität und das Wissenschaftszentrum Berlin. Der rote Faden des Tages war schnell erkennbar: Wir wissen inzwischen ziemlich viel über die Gefahren. Schwieriger wird es bei der Frage, was daraus vor Ort folgt.
Als das Wasser kam
Pascal Hirnschal vom Technischen Hilfswerk musste dafür keine theoretischen Szenarien bemühen. Er berichtete von seinen eigenen Einsätzen während der Flutkatastrophe im Ahrtal 2021. 17.000 THW-Kräfte aus mehr als 600 Ortsverbänden wurden damals mobilisiert. Aus einem Einsatz zur akuten Nothilfe wurde eine Aufgabe, die sich über Monate und lange darüber hinaus zog. Erst mussten Menschen gerettet und versorgt werden. Danach begann der Wiederaufbau.
Die Bilder aus dem Ahrtal sind bekannt. Weniger sichtbar ist, was solche Ereignisse für die Frage nach der Vorsorge bedeuten. Michael Kipsieker von der HI-Nord Planungsgesellschaft nahm genau diesen Punkt auf. Starkregen und Hochwasser, erklärte er, sind nicht dasselbe. Hochwasser entsteht meist nach länger anhaltenden Niederschlägen in größeren Einzugsgebieten. Starkregen kann dagegen innerhalb kürzester Zeit auf engem Raum enorme Wassermengen erzeugen.
Im Ahrtal kam beides zusammen. Zwischen dem 13. und 15. Juli 2021 fielen in einem relativ kleinen Gebiet außergewöhnlich große Regenmengen. Der Boden konnte das Wasser nicht mehr aufnehmen. Es lief oberirdisch ab, sammelte sich in den Tälern und ließ die Flüsse innerhalb kürzester Zeit anschwellen. Damit beginnt die schwierigere Diskussion: Wer ist eigentlich verantwortlich, wenn die Dimension eines Ereignisses die bisherigen Planungsgrenzen überschreitet?
Kanäle, Rückhaltebecken und Entwässerungssysteme lassen sich für bestimmte Niederschlagsmengen auslegen. Für das Ereignis, das alle bisherigen Annahmen sprengt, gibt es keine einfache technische Antwort. Kipsieker stellte deshalb auch die Frage, wo die Verantwortung der Kommune endet und was Grundstückseigentümer selbst tun müssen. Starkregenmanagement bedeutet in diesem Verständnis nicht, einfach größere Rohre unter die Straße zu legen. Es geht um Gefahrenkarten, Risikobewertungen, kritische Infrastruktur, Information und Vorsorge. Vor allem aber geht es darum, vorher zu wissen, was im Ernstfall passieren könnte.
Eine Karte allein schützt noch niemanden
Damit war der Kongress bei einem Problem angekommen, das weniger mit Technik als mit Menschen zu tun hat. Malte Schünemann von der Hochschule Osnabrück stellte eine scheinbar einfache Frage: Was bringt eine Starkregengefahrenkarte, wenn niemand weiß, dass es sie gibt? Im Landkreis Osnabrück hat er untersucht, wie solche Informationen von der Bevölkerung wahrgenommen werden. Die Ergebnisse zeigen eine Lücke zwischen dem, was inzwischen technisch verfügbar ist, und dem, was tatsächlich bei den Menschen ankommt.
Eine Karte kann zeigen, wo Wasser stehen könnte. Sie sagt einem Hausbesitzer aber noch nicht automatisch, was er am eigenen Gebäude verändern sollte. Und sie hilft einem älteren Menschen wenig, wenn die Informationen zu kompliziert sind oder im entscheidenden Moment gar nicht bekannt sind. Schünemann beschrieb deshalb ein Spannungsfeld zwischen fehlendem Wissen, Überforderung und Hilflosigkeit. Aus seiner Sicht muss Starkregenvorsorge verständlicher werden. Die Menschen müssen erkennen können, was eine Gefahr für sie persönlich bedeutet – und welche Entscheidungen sie selbst treffen können.
Das ist ein entscheidender Punkt. Klimaanpassung findet nicht nur im Rathaus statt. Sie findet auch im Keller, auf dem Firmengelände, im Pflegeheim und auf dem eigenen Grundstück statt.
Das Wasser muss nicht immer weg
Gerrit Tegtbauer vom Unterhaltungsverband Hase-Bever lenkte den Blick anschließend auf die Gewässer. Auch dort hat sich das Denken verändert. Lange lautete die einfache Devise: Das Wasser muss weg. Heute reicht das nicht mehr. Gewässerunterhaltung muss zugleich mit Hochwasser, Niedrigwasser, Starkregen, Artenvielfalt und Wassermanagement umgehen. Die Frage lautet deshalb zunehmend: Wie halten wir Wasser dort, wo es gebraucht wird? Das betrifft nicht nur Städte. Eine Schwammstadt allein löst das Problem nicht. Tegtbauer sprach deshalb vom „Schwammumland“ – von Landschaften, Böden und Wäldern, die Wasser aufnehmen und zurückhalten können. Der Gedanke ist bemerkenswert einfach: Wasser soll nicht möglichst schnell verschwinden. Es soll möglichst lange in der Landschaft bleiben.
Hitze trifft nicht nur die Stadt
Während am Vormittag das Wasser im Mittelpunkt stand, verschob sich der Blick am Nachmittag auf eine andere Klimafolge: die Hitze. Marisa Alpers vom Niedersächsischen Landesgesundheitsamt machte deutlich, dass Hitzeschutz im Gesundheitswesen weit mehr bedeutet als eine Warnmeldung auf dem Smartphone. Hitze belastet Patienten und Beschäftigte. Sie stellt Anforderungen an Gebäude und technische Anlagen und kann die Versorgung gefährden, wenn Lieferketten ausfallen oder Medikamente und empfindliche Technik nicht ausreichend geschützt sind.
Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen brauchen deshalb Hitzeschutzpläne, Frühwarnsysteme und geeignete Gebäude. Sie müssen wissen, wie Medikamente gelagert werden, wie sie bei einem Stromausfall reagieren und was passiert, wenn gleichzeitig eine Hitzewelle und ein anderes Extremereignis auftreten. Der entscheidende Gedanke dahinter: Ein Krankenhaus kann nicht jedes Mal einen Ausnahmezustand ausrufen, wenn das Wetter extrem wird. Es muss seine Strukturen so verändern, dass sie mit einem veränderten Klima dauerhaft zurechtkommen.
Die Lösung muss im Alltag funktionieren
Wie daraus konkrete Anwendungen entstehen können, zeigten mehrere Startups: Alexander Husenbeth vom Frankfurter Unternehmen Breaby stellte einen Ansatz für den Hitzeschutz in Pflegeeinrichtungen vor. Sensoren und Daten bilden dabei nur die technische Grundlage. Entscheidend ist, was daraus im Alltag entsteht: kühle Rückzugsräume, Beschattung, veränderte Abläufe und eine kontinuierliche Beobachtung der Situation. Ein Pilotprojekt in Einrichtungen der Evangelischen Heimstiftung zeigte, dass dafür nicht immer spektakuläre Umbauten notwendig sind. Manchmal können vergleichsweise einfache Veränderungen einen Unterschied machen – vorausgesetzt, sie werden systematisch geplant und überprüft. In eine ähnliche Richtung ging Prof. Hofmann mit dem Projekt Safecare des EUIL.
Nach der Mittagspause weitete sich das Spektrum. Klimaklappen, Biodiversität auf Firmengeländen mit Artenglück und hochisolierende Materialien von aerogel-it zeigten, wie unterschiedlich die Ansätze zur Klimaanpassung inzwischen sind. Auch der Berliner Green Health Accelerator stellte mehrere Projekte vor. Das Programm bringt Greentech-Startups mit Gesundheitsdienstleistern zusammen. Die Idee dahinter: Innovation soll nicht im Labor bleiben, sondern dort ankommen, wo sie gebraucht wird.
Die Stadt der Zukunft sieht anders aus
Am Nachmittag ging es schließlich um die Stadt selbst. Wie muss eine Stadt aussehen, die mit mehr Hitze, Starkregen und Trockenheit zurechtkommen soll? Dr. Matthias Winkler vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik zeigte mit OASITY®, welche Möglichkeiten digitale Modelle inzwischen bieten. In Verbindung mit PALM-4U und vorhandenen Geodaten lassen sich stadtklimatische Phänomene analysieren. Urbane Wärmeinseln werden sichtbar, ebenso mögliche Auswirkungen baulicher Veränderungen.
Temperaturunterschiede von bis zu zehn Kelvin innerhalb einer Stadt machen deutlich, dass „die Stadt“ beim Klima keine einheitliche Größe ist. Ein Platz kann sich aufheizen, während wenige Straßen weiter Bäume, Wasser und Luftströmungen für deutlich andere Bedingungen sorgen. Solche Unterschiede lassen sich inzwischen digital simulieren. Damit wird aus der abstrakten Frage „Wie wird unsere Stadt mit Hitze umgehen?“ eine sehr konkrete: Wo fehlt Schatten? Wo kann sich Luft bewegen? Wo lässt sich Wasser zurückhalten? Alexander Seebold stellte mit Citifyer ein weiteres Instrument vor, das Städte und Unternehmen bei der Planung unterstützen und unter anderem Fördermöglichkeiten sichtbar machen soll.
Doch Klimarisiken entstehen nicht nur dort, wo Wasser zu viel wird. Der Architekt Christoph Oevermann beschrieb ein Problem, das weniger spektakulär aussieht und gerade deshalb leicht übersehen wird: trockene Böden. Bei lang anhaltender Hitze und Trockenheit können ton- oder torfhaltige Böden austrocknen und schrumpfen. Straßen, Wege und Fundamente können dadurch absacken oder Risse bekommen. Oevermann verwies auf bereits heute sichtbare volkswirtschaftliche Schäden. Der Klimawandel kommt also nicht nur von oben. Manchmal wirkt er unter unseren Füßen.
Die nächste Frage lautet: Wer kann das bezahlen?
Zum Ende des Kongresses stand eine Frage, die jede Vorsorge irgendwann erreicht: Was kostet sie – und wer trägt das Risiko? Markus Hinz von der VGH Versicherung sprach über die Grenzen der Versicherbarkeit. In Niedersachsen gibt es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine allgemeine Versicherungspflicht. Unternehmen und Privatpersonen müssen deshalb selbst entscheiden, welche Risiken sie absichern.
Bei Gebäuden und Inventar können unterschiedliche Naturgefahren versichert werden, etwa Sturm, Hagel, Starkregen oder Überschwemmung. Für Unternehmen kann eine Betriebsunterbrechungsversicherung relevant werden, wenn nach einem Schaden laufende Kosten weiterlaufen, Einnahmen ausfallen oder Lieferketten unterbrochen werden. Doch auch Versicherungen können Risiken nicht beliebig auffangen. Sturmfluten etwa werden durch den steigenden Meeresspiegel zu einem wachsenden Problem und sind derzeit nicht versicherbar. Damit verschiebt sich die Diskussion. Es geht nicht mehr nur darum, ob sich ein Risiko versichern lässt. Es geht auch darum, ob sich der Schutz künftig noch bezahlen lässt.
Wissen allein reicht nicht
Wahrscheinlich liegt darin die eigentliche Botschaft dieses Kongresses: Die Werkzeuge sind längst da. Es gibt Gefahrenkarten, Sensoren, digitale Stadtmodelle, Frühwarnsysteme, neue Baustoffe und Konzepte für blau-grüne Infrastruktur. Es gibt Unternehmen, Startups und Forschungseinrichtungen, die Lösungen entwickeln. Und es gibt Kommunen, die beginnen, ihre Planung auf ein Klima auszurichten, in dem extreme Ereignisse häufiger zum Thema werden. Was noch fehlt, ist die Verbindung dieser Bausteine.
Eine Kommune kann eine hervorragende Starkregenkarte besitzen und trotzdem schlecht vorbereitet sein. Ein Unternehmen kann seine Gebäude gegen Hitze schützen und gleichzeitig von einer unterbrochenen Lieferkette lahmgelegt werden. Ein Krankenhaus kann einen Hitzeschutzplan haben und dennoch an seine Grenzen kommen, wenn gleichzeitig Strom, Wasser oder Personal fehlen.
Klimaresilienz entsteht deshalb nicht durch eine einzelne Maßnahme. Sie entsteht dort, wo verschiedene Systeme zusammenspielen. Und genau dort beginnt die eigentliche Arbeit: nicht erst, wenn das Wasser bereits in der Straße steht, sondern vorher. Denn wenn das Wetter zum Risiko wird, entscheidet sich die Handlungsfähigkeit einer Stadt oder eines Unternehmens lange bevor der erste Regentropfen fällt.
