Die Ergebnisse, die im Fachjournal Science Advances veröffentlicht wurden, lenken den Blick auf einen oft unterschätzten Aspekt des Küstenschutzes: Die Natur kann nicht nur Lebensräume erhalten, sondern auch selbst dafür sorgen, dass Inseln wachsen, Böden stabil bleiben und Küsten weniger stark erodieren.
Was Seevögel mit dem Wachstum von Korallenriffen zu tun haben
Die entscheidende Verbindung beginnt weit draußen auf dem Meer. Seevögel wie Tölpel und andere Meeresvögel ernähren sich im offenen Ozean. Wenn sie zum Ruhen und Brüten auf die Inseln zurückkehren, bringen sie Nährstoffe mit, die sie über ihren Kot an Land abgeben. Von dort gelangen diese Stoffe teilweise wieder in die umliegenden Gewässer.
Davon profitieren die Korallenriffe. Die zusätzlichen Nährstoffe können ihre Produktivität fördern und beeinflussen, wie schnell Korallen Kalk bilden. Auch Papageifische, Seeigel und andere Rifforganismen tragen dazu bei, dass neues Kalkmaterial und Sedimente entstehen. Dieses Material ist für die Inseln von großer Bedeutung: Es bildet einen Teil des Untergrunds, aus dem sie bestehen, und kann dazu beitragen, ihre Landfläche zu erhalten und weiter aufzubauen.
Für ihre Untersuchung werteten die Forschenden ökologische Daten von 28 Atollinseln im Indischen und Pazifischen Ozean aus. Zu den untersuchten Gebieten gehörten die Seychellen, der Chagos-Archipel und das Atoll Tetiaroa in Französisch-Polynesien. Das Ergebnis: Rund um Inseln mit großen, gesunden Seevogelpopulationen bauten sich Korallenriffe deutlich schneller auf als an Standorten, an denen Seevögel fehlten oder ihre Bestände stark zurückgegangen waren.
Riffe, die mit dem Meeresspiegel Schritt halten könnten
Wie groß dieser Unterschied ist, zeigen die berechneten Wachstumsraten. In Lagunenriffen rund um rattenfreie Inseln mit großen Seevogelpopulationen lag der Riffaufbau 1,8-mal höher als an Vergleichsstandorten. An den zum offenen Meer gerichteten Riffen betrug der Faktor sogar 2,5. Das ist mehr als ein ökologischer Unterschied. Korallenriffe bilden vor vielen Inseln eine natürliche Barriere, die Wellenenergie abfängt und dadurch die Erosion der Küsten verringert. Wenn die Riffe wachsen und neues Kalkmaterial aufbauen, können sie ihre Schutzfunktion besser erfüllen.
Nach den Berechnungen der Forschenden könnte das Wachstum der Lagunenriffe unter bestimmten Bedingungen ausreichen, um bei einer globalen Erwärmung um zwei Grad Celsius mit dem bis zum Ende des Jahrhunderts prognostizierten Meeresspiegelanstieg weitgehend Schritt zu halten. Ohne gesunde Seevogelpopulationen wäre dieses Potenzial erheblich geringer. Dabei handelt es sich um modellgestützte Abschätzungen, nicht um eine Garantie für den Fortbestand der Inseln. Wie gut sie sich behaupten können, hängt auch von weiteren Faktoren ab, etwa vom Zustand der Korallen, der Entwicklung des Meeresspiegels und der Stärke von Stürmen.
Mehr Sand, stabilere Böden
Neben den Korallenriffen profitiert auch der Aufbau der Inseln selbst. Papageifische und andere Rifforganismen produzieren durch ihre Lebensweise und die Verarbeitung kalkhaltigen Materials Sedimente. Diese können an geeigneten Stellen abgelagert werden und zum Erhalt der Inseln beitragen. Die Studie schätzt, dass die Sedimentproduktion an Riffen rund um Inseln mit großen Seevogelbeständen 2,3- bis 2,8-mal höher ausfallen kann als an Vergleichsstandorten. Für eine Insel mit einer Fläche von etwa 14 Hektar entspräche das rund 170 Kubikmetern zusätzlichem Sediment pro Jahr.
Auch die Vegetation an Land spielt eine wichtige Rolle. Heimische Pflanzen besitzen häufig dichte, weit verzweigte Wurzelsysteme. Sie halten den Boden zusammen, stabilisieren Sedimente und erschweren es Regen und Wellen, Material abzutragen. In Gebieten mit einem hohen Anteil einheimischer Pflanzen fanden die Forschenden eine 4,6-mal größere Feinwurzellänge als in Flächen mit wenig heimischer Vegetation. Auch hier zeigt sich, wie eng die einzelnen Bestandteile des Ökosystems zusammenwirken: Die Nährstoffe der Seevögel können das Pflanzenwachstum fördern, während die Wurzeln wiederum den Boden stabilisieren.
Wenn Ratten und Kokospalmen das Gleichgewicht stören
Doch vielerorts ist dieses natürliche Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht geraten. Ratten, die vor Jahrhunderten als blinde Passagiere auf Schiffen auf zahlreiche Inseln gelangten, bedrohen die Seevogelbestände. Sie fressen Eier und Jungvögel und können ganze Kolonien erheblich schwächen. Gleichzeitig wurde auf vielen Atollen die ursprüngliche Vegetation gerodet. An ihre Stelle traten Siedlungen, landwirtschaftliche Nutzflächen und Kokospalmenplantagen. Nach Schätzungen, die in der Studie aufgegriffen werden, nehmen Kokospalmenplantagen inzwischen rund 60 Prozent der Wälder auf pazifischen Atollen ein.

Kokospalmen können wirtschaftlich wichtig sein. Sie ersetzen jedoch nicht automatisch die vielfältigen Funktionen eines natürlichen Waldes. Wo die ursprüngliche Vegetation fehlt und Seevögel verschwunden sind, geraten gleich mehrere Schutzmechanismen ins Stocken: Es gelangen weniger Nährstoffe auf die Inseln, die Riffe bauen sich langsamer auf, es entsteht weniger Sediment und der Boden verliert an Stabilität. Die Forschenden sehen deshalb in der Wiederherstellung der Seevogelbestände und der heimischen Vegetation einen möglichen Schlüssel, um die Widerstandsfähigkeit der Inseln zu stärken. Dazu gehören Maßnahmen gegen invasive Ratten ebenso wie die Wiederherstellung natürlicher Wälder.
Naturschutz als Teil der Klimaanpassung
Für viele kleine Atollinseln sind die Möglichkeiten des technischen Küstenschutzes begrenzt. Große Schutzmauern und andere aufwendige Bauwerke sind teuer, können natürliche Prozesse beeinträchtigen und lassen sich nicht überall sinnvoll einsetzen. Gerade auf unbewohnten oder dünn besiedelten Inseln könnte es deshalb besonders wichtig sein, die natürlichen Schutzfunktionen zu erhalten und wiederherzustellen. Die Studie liefert keine einfache Lösung für sämtliche Folgen des Meeresspiegelanstiegs. Auch intakte Korallenriffe und gesunde Wälder können extreme Veränderungen der Umweltbedingungen nicht beliebig ausgleichen. Steigende Wassertemperaturen, Korallenbleichen, stärkere Sturmfluten und der Verlust von Landflächen bleiben erhebliche Risiken.
Trotzdem ist die Erkenntnis wichtig: Die Anpassungsfähigkeit einer Insel hängt nicht allein von ihrer Höhenlage oder von technischen Schutzanlagen ab. Sie wird auch davon bestimmt, ob die natürlichen Prozesse funktionieren, die neues Material aufbauen, Sedimente festhalten und Wellen abbremsen. Das lässt sich nicht ohne Weiteres auf jede Küste übertragen. Doch das Grundprinzip reicht weit über tropische Atolle hinaus. Wo Ökosysteme intakt sind, können sie zum Schutz vor Klimafolgen beitragen. Naturschutz ist dann nicht nur eine Frage der Artenvielfalt. Er wird zu einem Bestandteil vorausschauender Klimaanpassung.
