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Wie beeinflusst wissenschaftliche Modellbildung die Energiewende und damit unsere Zukunft? Modelle und ihre Darstellung bestimmen das Denken, doch ihre Grundlagen bleiben oft unsichtbar. Das transdisziplinäre Forschungsprojekt „Poetik der Modelle“ am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) untersucht, wie wir mit Energiewende-Modellen Zukunft formen – und wie wir sie verständlicher kommunizieren können. Gefördert als Reinhart Koselleck-Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), hinterfragt es Modellierungspraktiken, um Transparenz, Partizipation und Inklusion bei der Transformation des Energiesystems zu stärken.
„Unsere Energiezukünfte werden in Modellen entworfen – und mit diesen Modellen wird dann Politik gemacht. Aber wenn wir nicht verstehen, wie diese Modelle funktionieren, dann müssen wir glauben, was uns gesagt wird. Das ist eine gefährliche Situation“, begründet Professor Veit Hagenmeyer, Leiter des Instituts für Automation und angewandte Informatik am KIT, die Notwendigkeit einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit aktuellen Modellierungspraktiken zur Energiewende.
In dem transdisziplinären Forschungsprojekt „Poetik der Modelle“ untersucht Hagenmeyer gemeinsam mit den Literaturwissenschaftlern Professor Klaus Stierstorfer und Professor Matthias Erdbeer von der Universität Münster, wie Energiewende-Modelle nicht nur technische Berechnungen und Konstruktionen, sondern auch Narrative der Zukunftsgestaltung sind. Die DFG fördert das Forschungsvorhaben als Reinhart Koselleck-Projekt für hochinnovative, risikoreiche Forschung mit einer Million Euro und über eine Laufzeit von fünf Jahren.
Die Energiewende verstehen: Wie Modelle Zukunft formen
Technische Modelle sind ein zentrales Instrument der Energieforschung. Sie berechnen Energiebedarfe, steuern Versorgungsnetze und liefern Entscheidungsgrundlagen für Politik und Wirtschaft. Doch ihre Grundlage bleibt oft verborgen:
„Modelle sind nicht neutral. Sie beruhen auf Annahmen über technologische Entwicklungen, politische Rahmenbedingungen und menschliches Verhalten. Viele dieser Annahmen bleiben unsichtbar“, erklärt Hagenmeyer.
Diese Unsichtbarkeit könne dazu führen, dass wissenschaftliche Ergebnisse entweder unkritisch übernommen oder pauschal infrage gestellt werden. Ziel des Projekts sei es nun einerseits, die versteckten Mechanismen der Modellbildung offenzulegen und herauszuarbeiten welche Erzählmuster in Energiewende-Modellen stecken. Andererseits, neue Wege zu finden, um Energiewende-Modelle transparenter, partizipativer und inklusiver zu gestalten.
Ein wichtiger Impulsgeber für diesen neuartigen Ansatz war Professor Armin Grunwald, Leiter des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) des KIT sowie des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag:
„In der Politikberatung, beispielsweise für den Deutschen Bundestag, benötigen wir oft Modelle. Dazu müssen wir diese Modelle verstehen, gerade in ihren Annahmen und Prämissen. Ansonsten kann dies zu Schieflagen in der Beratung und zu nicht sachgerechten politischen Entscheidungen führen“, sagt er.
Neben Grunwald ist auch Professor Daniel Lang, ebenfalls vom ITAS, Partner des Projekts. Seine Expertise in der Reallaborforschung ergänzt die transdisziplinäre Perspektive und trägt dazu bei, dass die gesellschaftliche Dimension der Energiewende umfassend berücksichtigt wird.
Reallabore des KIT eingebunden
Um sicherzustellen, dass Modellannahmen nicht nur wissenschaftlich überzeugend, sondern auch in der Praxis erfolgreich sind, versucht die Forschung heute, zukünftige Energiesysteme unter möglichst realen Bedingungen zu simulieren. Mit Reallaboren zur Energiewendeforschung – etwa dem Energy Lab, Europas größter Forschungsinfrastruktur für erneuerbare Energien oder dem Karlsruher Reallabor Nachhaltiger Klimaschutz für eine partizipative Energiewende – hat das KIT dafür eine umfangreiche Infrastruktur geschaffen, die nun direkt in das Forschungsprojekt eingebunden wird.
„Das Projekt untersucht also nicht nur, welche Annahmen in Energiewende-Modellen stecken, sondern auch, wie Reallabore als Orte wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aushandlung dieser Modelle funktionieren“, erläutert Hagenmeyer.
„Reallabore sind Testfelder für technische Szenarien und werden als solche nun selbst zum Gegenstand wissenschaftlicher Analyse: Wie beeinflusst die Art der Darstellung das Verständnis der dort implementierten Modelle? Welche Narrative entstehen, wenn Bürgerinnen und Bürger mit diesen Modellen interagieren?“
Vorbehalte gegenüber der Energiewende abbauen
„Die Energiewende ist nicht nur eine technische, sondern auch eine narrative Herausforderung“, betont Hagenmeyer. Das Forschungsprojekt „Poetik der Modelle“ geht entsprechend über die technischen Fragen einer Transformation des Energiesystems hinaus. Es setzt genau dort an, wo Vorbehalte gegenüber der Energiewende entstehen: bei der Verständigung zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft über eine erstrebenswerte Zukunft.
„Solange Menschen nicht nachvollziehen können, wie Energiezukunftsszenarien entstehen, bleibt der öffentliche Diskurs von Unsicherheit, Misstrauen und simplifizierten Forderungen geprägt. Unser Projekt soll diese Unsicherheiten abbauen und neue Wege aufzeigen, wie Wissenschaft, Politik und Gesellschaft gemeinsam tragfähige Energiekonzepte entwickeln können. Denn nur, wenn wir die Zukunftsmodelle verstehen, können wir die Zukunft auch aktiv gestalten“, so Hagenmeyer.