Zentrale Aufgabe moderner Zoos im Artenschutz gefährdet

Die Analyse von Meireles und Kolleg*innen zeigt, dass die Fortpflanzung, wie hier am Beispiel des vom Aussterben bedrohten Grevyzebras (Equus grevyi) dargestellt, bei den Säugetierpopulationen in Zoos rückläufig ist. Quelle: Tim Benz Copyright: Tim Benz/Zoo Zürich

Gerade Fotos und Videos von neugeborenen Zootieren sorgen medial für Aufmerksamkeit – doch der Eindruck, den die niedlichen Jungtiere dabei hinterlassen, täuscht. Es gibt immer weniger Nachwuchs bei Säugetieren und viele Populationen sind mittlerweile überaltert, wie jetzt eine internationale Studie unter Leitung der Universität Zürich in Zusammenarbeit mit der Goethe-Universität Frankfurt, der Universität Aarhus, dem Zoo Zürich und dem Zoo Kopenhagen zeigt.

Für die Studie analysierten die Forschenden die demografische Entwicklung von insgesamt 774 Säugetierpopulationen (361 in Nordamerika, 413 in Europa), die zwischen 1970 und 2023 in Zoos gehalten wurden. Grundlage der Untersuchung waren Daten aus der internationalen Datenbank „Species360“, die von über 1200 Institutionen weltweit gepflegt und genutzt wird. In dieser Datenbank werden für jedes einzelne Tier unter anderem Alter, Geschlecht, Abstammung, Herkunft sowie der Reproduktionsstatus erfasst. Diese umfassenden Langzeitdaten erlauben eine systematische Analyse der Altersstruktur von Zoopopulationen über mehrere Jahrzehnte hinweg.

Verzerrte Alterspyramiden

Zur Beurteilung der Stabilität einer Population nutzten die Forschenden sogenannte Alterspyramiden. Hierzu wurde vom Frankfurter Team eine neue Methode zur automatischen Kategorisierung von Populationspyramiden entwickelt, um die Dynamik von Tierpopulationen präziser zu analysieren. Dieser erfolgreich angewendete Ansatz zeigt, dass komplexe demografische Profile in standardisierte Grundformen wie Pyramiden-, Diamant- oder Säulenformen übersetzbar sind. Prof. Paul Dierkes von der Goethe-Universität, der insbesondere bei der Entwicklung dieser methodischen Herangehensweise beteiligt war, erläutert:

„Besonders für Zoos und den Artenschutz eröffnet dieser neue methodische Ansatz und die darauf basierenden Ergebnisse Möglichkeiten, demografische Entwicklungen klar zu kommunizieren und fundierte Entscheidungen zu treffen.“

Aber welche Aussagen stecken in den verschiedenen Grundformen?

Eine stabile, widerstandsfähige Population weist typischerweise eine pyramidenförmige Altersstruktur auf: Viele junge und fortpflanzungsfähige Individuen bilden die Basis, während der Anteil älterer Tiere nach oben hin abnimmt. Solche Populationen sind besser gegen unerwartete Ereignisse wie Krankheitsausbrüche oder andere Krisen gewappnet. Die Ergebnisse der nun vorliegenden Studie zeigen jedoch für viele Reservepopulationen, dass der Anteil diamant- oder säulenförmiger Populationen zunimmt, bei denen es relativ wenige junge und viele ältere Tiere gibt. Solche Populationen gelten als weniger stabil und weniger resilient.

Die Studie zeigt auch, dass zeitgleich der Anteil der sich aktiv fortpflanzenden Weibchen stark abgenommen hat: um 49 Prozent in den nordamerikanischen und um 68 Prozent in den europäischen Populationen. In einigen der untersuchten Populationen gab es zuletzt gar keine fortpflanzungsfähigen Weibchen mehr. Dies hat nicht nur zur Folge, dass Nachwuchs fehlt, sondern beeinträchtigt auch die Sozialstruktur vieler Tierarten. Die Fortpflanzung und Aufzucht von Jungtieren zählen zu den Grundbedürfnissen von Tieren und sind elementare Bestandteile einer artgerechten Haltung.

Artenschutzziele gefährdet

Die vorliegende Entwicklung beunruhigt die Forschenden und kann die Artenschutzarbeit moderner Zoos gefährden. Zoos übernehmen im globalen Artenschutz eine wichtige, international anerkannte Rolle, insbesondere durch den Erhalt von Reservepopulationen gefährdeter Arten. In einem Positionspapier aus dem Jahr 2023 betont die Weltnaturschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature), dass Zoos, Aquarien und botanische Gärten wichtige Partner im Kampf gegen den weltweiten Verlust der biologischen Vielfalt sind.

Voraussetzung für diese Rolle ist jedoch, dass die gehaltenen Reservepopulationen stabil, reproduktionsfähig und langfristig überlebensfähig sind. Erstautor Prof. Marcus Clauss von der veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Zürich erklärt hierzu: „Dieser Trend muss unbedingt gestoppt und umgekehrt werden. Zoos übernehmen eine zentrale Rolle im Artenschutz. Diese Aufgabe können sie aber nur erfüllen, wenn sie tatsächlich stabile und resiliente Reservepopulationen erhalten. Dafür braucht es wieder mehr Jungtiere und weniger alte Tiere.“

Dierkes ergänzt: „Neben dem Erhalt von Reservepopulationen leisten wissenschaftlich geleitete Zoos einen wichtigen Beitrag durch Bildung und Forschung. Jährlich erreichen sie Millionen von Besucher*innen und vermitteln Wissen über bedrohte Arten, Ursachen des Artensterbens und die Bedeutung des Naturschutzes. Zoos sind damit wichtige Lernorte, die das Verständnis und die Unterstützung für den Artenschutz in der Gesellschaft stärken. Zudem ermöglichen Zoos wichtige wissenschaftliche Studien zu Verhalten, Fortpflanzung und Gesundheit gefährdeter Arten. Diese Erkenntnisse helfen, die Haltung in Zoos zu verbessern und Schutzmaßnahmen in der Natur wirksamer zu gestalten. Sinkende Tierzahlen und überalterte Bestände würden daher nicht nur den Artenschutz selbst, sondern auch die Bildungs- und Forschungsarbeit der Zoos erheblich beeinträchtigen. Folglich sollte das Populationsmanagement in Zoos stärker auf demografische Nachhaltigkeit ausgerichtet werden. Nur wenn es gelingt, den aktuellen Trend zur Überalterung umzukehren, können Zoos ihren Beitrag zum internationalen Artenschutz dauerhaft erfüllen.“