Insektensterben: Eindämmung von Lichtverschmutzung notwendig

Nachtfalterlarven. Die Insekten gelten als die „Bienen der Nacht", weil sie Pflanzen bestäuben. Quelle: Daniel Schmidt Copyright: Universität Oldenburg/ Daniel Schmidt

Nachtfalter sind von zunehmender Lichtverschmutzung bedroht: Straßenlaternen, beleuchtete Städte und Siedlungen stören die Orientierung der nachtaktiven Insekten und reduzieren damit ihre Paarungsaussichten. Welche Mechanismen dahinterliegen, ist Forschenden bislang in großen Teilen rätselhaft. Das Projekt „Lightstar“ will diese entschlüsseln. „Wir wollen eine aussagekräftigere Datengrundlage zum Verhalten von Nachtfaltern bei Lichtverschmutzung schaffen“, sagt Projektleiterin Dr. Jacqueline Degen. Für ihre Forschung an der Universität Oldenburg hat die Biologin eine hochkarätige Förderung eingeworben: einen Starting Grant des Europäischen Forschungsrats (ERC) in Höhe von 1,5 Millionen Euro über fünf Jahre.

Die Auszeichnung geht an exzellente Forschende in frühen Karrierephasen. „Der renommierte ERC-Grant ist ein großer Erfolg für Jacqueline Degen“, sagt Universitätspräsident Prof. Dr. Ralph Bruder. „Ihr Vorhaben stärkt unsere herausragende Forschung auf dem Gebiet der Tiernavigation und somit auch unseren Exzellenzcluster ‚NaviSense‘“. Seit Januar 2026 bündeln darin Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Oldenburg Spitzenforschung zur Navigation von Tieren wie Zugvögeln, Fledermäusen, Krill und Insekten.

Nachtfalter tracken mit Leichtgewicht-Markern

Nachtfalter gelten als die „Bienen der Nacht“ und haben eine unverzichtbare Funktion im Ökosystem: Sie bestäuben (Nutz-)Pflanzen und sind eine Nahrungsquelle für andere Tiere wie Fledermäuse und Vögel. Degen interessiert sich angesichts des signifikanten Insektenschwunds dafür, wie Mondlicht, Straßenbeleuchtung, Wetter und Bewölkung wechselseitig auf Ligusterschwärmer und Mittlerer Weinschwärmer wirken. Diese Nachtfalterarten navigieren mithilfe des Mondes und der Sterne und legen zur Nahrungssuche häufig weite Strecken zurück. Der aufgehende Mond fördert zudem die Partnersuche. Die Navigationsbiologin geht davon aus, dass künstliches Licht männliche Nachtfalter bei dieser räumlichen Orientierung und der Suche nach paarungswilligen Weibchen beeinträchtigt.

Um Nachtfalter in bislang unerforschten räumlichen und zeitlichen Dimensionen detailliert beobachten zu können, entwickelt Degen mit ihrem Team ein neuartiges 3D-Tracking-System. „Wir platzieren einen möglichst kleinen Marker auf dem Rücken des Nachtfalters“, erklärt Degen. „Mithilfe einer speziell gebauten Drohne können wir die Flugbahn und die Flughöhe dann erstmals überhaupt über hunderte Meter hinweg verfolgen.“

Das Knifflige: Die Marker müssen nicht nur extrem leicht, sondern auch unter realen nächtlichen Freilandbedingungen zuverlässig detektierbar sein. Zwar existieren bereits sehr leichte reflektierende Marker im Bereich von rund 20 Milligramm, doch ob sie nachts im Freiland funktionieren, ist bislang unklar. „Wiesen sind nachts häufig feucht“, erklärt Degen. „Tau auf Pflanzen kann starke, unkontrollierte Reflexionen erzeugen, die wahrscheinlich nur schwer von den gewünschten Marker-Signalen zu unterscheiden sind.“

Mithilfe einer Drohne und speziellen Leichtgewicht-Markern will Jacqueline Degen die Flugbahnen von Nachtfaltern untersuchen. Quelle: Daniel Schmidt. Copyright: Universität Oldenburg/ Daniel Schmidt

Ziel des Projekts ist es daher, speziell angepasste Leichtgewicht-Marker und Auswertungsmethoden zu entwickeln, die auch unter solchen Bedingungen ein eindeutig identifizierbares Signal liefern. Langfristig sollen diese Marker so leicht sein, dass sie nicht nur für größere Nachtfalter, sondern auch für weitere, besonders kleine Insektenarten nutzbar werden.

Wie Lichtverschmutzung die Orientierung von Nachtfaltern stört

Das neue 3D-Tracking-System soll auch in groß angelegten Feldexperimenten zum Einsatz kommen. „Wir platzieren männliche Falter im Freiland rund 100 Meter entfernt von den Weibchen“, erklärt Degen. „Wenn sich die Männchen auf den Weg zu den Weibchen machen, simulieren wir auf der Route Straßenbeleuchtung und im Hintergrund den Mond.“ Im Freiland wollen die Forschenden erstmalig beobachten, wie Mondlicht, Straßenbeleuchtung, Bewölkung, Wind, Flugdauer und Flughöhe der Nachtfalter miteinander interagieren.

„Unsere Forschung kann dabei helfen, wirksame Strategien zu entwickeln, um dem unter anderem durch Lichtverschmutzung verursachten Insektensterben entgegenzuwirken“, erläutert Degen. Die gewonnenen Daten könnten beispielsweise als Grundlage für politische Entscheidungen dienen, etwa wenn es um die Reduktion von Beleuchtung im öffentlichen Raum geht. Schon kleine Maßnahmen könnten helfen, betont Degen, indem beispielsweise Lampen niedriger angebracht würden, um den Flugkorridor von Nachtfaltern nicht zu stören.