Forscherinnen und Forscher des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) und der italienischen Roma Tre Universität haben die Müllbelastung der Berliner Stadtspree und ihrer Nebengewässer untersucht. Sie stellten fest, dass 96 Prozent des Mülls in den Fließgewässern und an den Ufern aus Plastik bestehen.
Lebensmittelverpackungen machen dabei mit rund einem Drittel den größten Anteil aus. In der in Environmental Research veröffentlichten Studie zeigen die Forschenden die Müll-Hotspots auf und empfehlen, den Fokus vor allem auf die Reinigung bestimmter Ufer zu setzen, da von dort das meiste Plastik in die Gewässer gelangt.
Von November bis Dezember 2021 beprobte das Forschungsteam des IGB die Wasser- und Uferflächen an 27 Brücken über die Spree, die Havel sowie den Teltow- und den Landwehrkanal. Auf einer Gesamtfläche von 20.250 Quadratmetern untersuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Anteil von Plastik am gefundenen Müll, dessen Verteilung in verschiedenen Flussabschnitten sowie die Hauptbestandteile der Kunststoffabfälle.
Spreemüll: 96 Prozent Plastik, davon 35 Prozent Lebensmittelverpackungen
„Wir haben mit viel Plastik gerechnet, aber wir waren doch erstaunt, dass Plastik einen so hohen Anteil an der Gewässerverschmutzung durch Müll ausmacht. In unserer Untersuchung stammten nur rund vier Prozent von Glas, Papier, Aluminium oder anderem Metall“, sagt IGB-Forscherin Dr. Oleksandra Shumilova, Mitautorin der Studie.
Die Ergebnisse zeigen außerdem, dass 35 Prozent des Plastikmülls auf Lebensmittelverpackungen entfallen, gefolgt von Zigarettenfiltern, die ebenfalls Kunststoff enthalten. Das am häufigsten gefundene Polymer war mit 41 Prozent Polypropylen.
Plastikmüll aufgrund der Jahreszeit und Corona vermutlich niedriger
Im Durchschnitt entdeckten die Forschenden etwa zwei große Plastikteile pro zehn Quadratmeter (0,17 pro Quadratmeter). „Sicher hätten wir im Sommer mehr Plastik gefunden als im November und Dezember. Zudem war die Mobilität der Menschen 2021 aufgrund der Corona-Pandemie immer noch stark eingeschränkt. Vor diesem Hintergrund ist es auch ein interessanter Nebenaspekt, dass erstaunlich wenige weggeworfene Masken gefunden wurden“, erläutert Erstautor Dr. M. C. M. Blettler.
Martin Blettler hat die Studie als Humboldt-Forschungsstipendiat in der Forschungsgruppe von Dr. Alexander Sukhodolov am IGB durchgeführt und arbeitet derzeit am argentinischen Institut für Forschung und Entwicklung in Bioingenieurwesen und Bioinformatik IBB in Oro Verde. Im europäischen Vergleich lag die Mülldichte der Probekampagne am unteren Ende: An den Ufern des Flusses Adour im Südwesten Frankreichs wurden in einer Studie aus dem Jahr 2018 im Durchschnitt 14 Teile pro Quadratmeter gefunden, während in städtischen Uferbereichen zentralitalienischer Flüsse in einer Studie aus dem Jahr 2025 Spitzenwerte von 28 Plastikteilen pro Quadratmeter erreicht wurden.
Die traurigen Top 5:
Die Moabiter Brücke wies die höchste Konzentration an Plastikmüll auf, gefolgt von der Mörschbrücke (Westhafenkanal), der Weidendammer Brücke (Spree), dem Hiroshimasteg (Landwehrkanal) und der Juliusturmbrücke (Havel). Die Oberbaumbrücke belegte den zehnten Platz unter den am stärksten verschmutzten Stellen.
In der Stadtspree kennt der Müll nur eine Richtung….
Ein weiteres zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Dynamik von Makroplastik an den Ufern der Spree, insbesondere in städtischen Bereichen mit künstlichen Uferbefestigungen. Diese Strukturen aus Beton oder Stein erschweren die Rückführung von Müll ans Ufer, sodass Plastikabfälle vermehrt im Fluss verbleiben. Entlang des städtischen Abschnitts der Spree in Berlin bestehen die Ufer überwiegend aus ein bis drei Meter hohen künstlichen Böschungen, welche die Verbindung zwischen Flussbett und Land einschränken.
…..in den Fluss hinein, aber nicht wieder heraus
Das Forschungsteam zeigt, dass der Müll in diesen Abschnitten der Spree mit Spundwänden nur eine Richtung kennt: vom Ufer in den Fluss.
„Der meiste Plastikmüll gelangt über Wind vom Ufer in den Fluss oder wird bei Regen hineingeschwemmt. Aufgrund der hohen Spundwände kommt er dann nicht mehr heraus. Bei natürlichen Flussverläufen wird er vom Wasser wieder ans Ufer gespült. Das ist ökologisch gesehen nicht besser, als wenn er im Wasser verbleibt. Aber zumindest kann er dort besser eingesammelt werden“, erklärt IGB-Forscher Dr. Alexander Sukhodolov, der die Studie mit geleitet hat.
Die Autoren empfehlen daher, den Fokus auf die Reinigung der Ufer zu legen. Studien wie diese helfen dabei, die Ursprünge und die räumliche Verteilung des Plastiks besser zu verstehen, um anschließend entscheiden zu können, welche Flussabschnitte bei der Reinigung und Überwachung Priorität haben sollten.
