Wie lebt ein Moor? Welche Tiere und Mikroorganismen kommen dort vor? Und was verraten sie über Umweltveränderungen und Gesundheit? Diesen Fragen gehen 18 Schüler:innen der 9. und 10. Klassen des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums Greifswald im diesjährigen Citizen Science-Projekt CiFly nach. Das Projekt CiFly ist Teil der „One Health-Region Vorpommern“ und wird im Rahmen der vom BMFTR geförderten Initiative „T!Raum – TransferRäume für die Zukunft von Regionen“ unterstützt.
Gemeinsam mit Forschenden des Helmholtz-Instituts für One Health (HIOH) und des Sonderforschungsbereiches WETSCAPES2.0 der Universität Greifswald untersuchen die Schüler:innen im Anklamer Stadtbruch die Biodiversität von Säugetieren und Vögeln sowie das Vorkommen antimikrobiell resistenter Bakterien. Das ehemals trockengelegte Moorgebiet zählt seit dem Dammbruch von 1995 zu den bedeutenden Wiedervernässungsflächen der Region. Es leistet einen wichtigen Beitrag zum Klima-, Arten- und Wasserschutz und ist zugleich Untersuchungsfläche vieler Moorforschungsprojekte. Das HIOH ist ein Standort des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig in Kooperation mit der Universität Greifswald, der Universitätsmedizin Greifswald und dem Friedrich-Loeffler-Institut.
Forschung zum Anfassen
Bevor es ins Gelände geht, bereiten sich die Jugendlichen im Unterricht auf ihre Forschungseinsätze vor. Sie werden von Wissenschaftler in die Themen One Health, Biodiversität und antimikrobielle Resistenzen eingeführt und lernen, eigene wissenschaftliche Fragestellungen zu entwickeln. Damit sie im Moor selbst als Forschende arbeiten können, erhalten sie von dem Moor-Experten Prof. Gerald Jurasinski eine Einführung in den Lebensraum Moor. Außerdem lernen sie, wie man Bodenproben entnimmt, Blattabstriche nimmt und alle Beobachtungen sorgfältig dokumentiert.
Der Höhepunkt des Projekts war der Feldforschungstag am 30. April 2026. Vor Ort untersuchten die Jugendlichen unterschiedliche Lebensräume – sowohl landwirtschaftlich genutzte, trockengelegte Moore als auch wiedervernässte Flächen. Dabei entwickelten sie eigene Forschungsfragen, planten in Kleingruppen ihre Untersuchungen, entnahmen Proben im Gelände, dokumentierten die Lebensräume und sammelten Daten, die anschließend wissenschaftlich ausgewertet werden. Zudem lernten sie moderne Methoden kennen, darunter genetische Analysen (eDNA), mit denen sich Arten nachweisen lassen, ohne sie direkt beobachten zu müssen.
„Wer selbst forscht, versteht ökologische Zusammenhänge viel unmittelbarer“, sagt Gerald Jurasinski vom Institut für Botanik und Landschaftsökologie der Universität Greifswald. „Die Schülerinnen und Schüler erleben in diesem Projekt, warum Moore für Klima, Artenvielfalt und Gesundheit so wichtig sind – und auch, wie Wissenschaft ganz konkret arbeitet.“
An genau diesem Punkt setzt auch der Citizen Science-Ansatz des Projekts an. Citizen Science bedeutet, dass interessierte Bürgerinnen und Bürger – in diesem Fall Schüler:innen – aktiv an wissenschaftlicher Forschung mitwirken, zum Beispiel, indem sie Daten erheben oder eigene Fragestellungen entwickeln.
„Wir möchten den Jugendlichen zeigen, welche Möglichkeiten die Wissenschaft bietet. Dabei ist es uns wichtig, nicht nur Wissen zu vermitteln, sondern auch die Freude an der Wissenschaft“, sagt Dr. Johanna Eberhard, die das Projekt am Helmholtz-Institut für One Health koordiniert. „Gleichzeitig haben auch wir als Wissenschaftler:innen in den vergangenen drei Jahren viel von den Schüler:innen gelernt – vor allem darüber, wie man Inhalte verständlich vermittelt und wie Methoden gestaltet sein müssen, damit sie zuverlässig verstanden und angewandt werden können und dabei hochwertige wissenschaftliche Daten liefern.“
Das Projekt verbindet praxisnahe One Health-Forschung mit hochaktuellen wissenschaftlichen Fragestellungen: Neben der Biodiversität steht auch das Vorkommen antimikrobiell resistenter Bakterien im Fokus. Gleichzeitig wird die zentrale Rolle von Mooren für Biodiversität und Klimaschutz vermittelt.
Moore verstehen: ihre Bedeutung für Klima, Artenvielfalt und Gesundheit
Moore gehören zu den wirksamsten natürlichen Kohlenstoffspeichern der Erde. Obwohl sie nur vier Prozent der Erdoberfläche bedecken, speichern sie doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder zusammen. Werden sie entwässert, setzen sie große Mengen Treibhausgase frei. Durch Wiedervernässung lassen sich diese Emissionen stoppen und wertvolle Lebensräume zurückgewinnen. Gleichzeitig entstehen neue, dynamische Ökosysteme, deren Entwicklung aktuell im Sonderforschungsbereich WETSCAPES2.0 intensiv erforscht wird.
Forschung vor der eigenen Haustür
Das Projekt CiFly verbindet Umweltbildung mit aktueller One Health-Forschung. Jugendliche erhalten Einblicke in das wissenschaftliche Arbeiten und leisten zugleich einen Beitrag zur Datenerhebung. So wird Forschung greifbar. Das Projekt wurde bereits mit zwei weiteren Schülergruppen durchgeführt. Im ersten Jahr (2024) untersuchten die Schüler:innen ganz unterschiedliche Gebiete, meist in ihrem eigenen Wohnumfeld. Im zweiten Jahr (2025) diente der Tierpark Greifswald und seine Umgebung als Untersuchungsgebiet. So wurden gemeinsam mit den Schülern Daten erhoben, die Rückschlüsse auf die räumliche Genauigkeit der Biodiversitätsmessung mithilfe der eDNA-Methode ermöglichen. Diese Ergebnisse werden nun zusammen mit den Schülern veröffentlicht.
