Deutlich häufiger: Sturmfluten und andere extreme Wasserstände

Die Norwegensee vor der norwegischen Küste. Schon ein Anstieg des mittleren Meeresspiegels um rund 20 Zentimeter kann dazu führen, dass Sturmfluten und extreme Wasserstände deutlich häufiger kritische Höhen erreichen. Quelle: Ben Marzeion Copyright: Ben Marzeion, Universität Bremen

Sturmfluten und andere extreme Wasserstände an Küsten sind heute deutlich wahrscheinlicher als noch im Jahr 1900. Eine neue Studie in Nature Climate Change zeigt: Was damals ein Jahrhundertereignis war, tritt heute im globalen Mittel etwa alle acht Jahre auf. Allein der menschliche Einfluss auf das Klima, zum Beispiel durch den Ausstoß von Kohlenstoff, hat die Häufigkeit vervierfacht. Zum internationalen Autor:innenteam gehört auch Prof. Ben Marzeion von der Universität Bremen.

Sturmfluten und extreme Wasserstände an Küsten treten heute deutlich häufiger auf als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine neue Studie im Fachjournal Nature Climate Change zeigt: Was um 1900 statistisch nur einmal in 100 Jahren zu erwarten war, tritt global im Mittel heute etwa alle acht Jahre auf. Das entspricht einer Zunahme um etwa den Faktor zwölf. Zum Autor:innenteam gehört auch Prof. Ben Marzeion vom Institut für Geographie und dem MARUM – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften der Universität Bremen.

Ein so genanntes Jahrhundertereignis tritt nicht regelmäßig alle 100 Jahre auf. Gemeint ist eine statistische Wahrscheinlichkeit des Auftretens von einem Prozent pro Jahr. Die Studie zeigt: Durch den gestiegenen Meeresspiegel sind solche früher sehr seltenen Wasserstände heute vielerorts deutlich häufiger.

„Der Faktor zwölf ist sehr beunruhigend“, sagt Ben Marzeion. „Er zeigt, wie stark schon ein moderater Meeresspiegelanstieg die Häufigkeit von Sturmfluten und extremen Wasserständen verändern kann.“

Vom Menschen verursachter Meeresspiegelanstieg entscheidender Faktor

Die Autoren kombinierten Pegelaufzeichnungen mit Klimamodellsimulationen. So konnten sie unterscheiden, welchen Anteil natürliche Schwankungen, lokale Prozesse wie Landhebung oder Landsenkung, aber auch der menschengemachte Klimawandel haben. Marzeion war für die Rekonstruktionen des Beitrags schmelzender Gletscher zum Meeresspiegelanstieg verantwortlich. Das Ergebnis: Der menschliche Einfluss ist der dominante Treiber für die Zunahme von Sturmflutereignissen, und zwar schon seit den 1960er-Jahren. Für sich allein genommen hat er die Häufigkeit historischer 100-jährlicher Ereignisse etwa vervierfacht.

„Der Mensch ist ein Faktor unter vielen“, sagt Marzeion. „Aber unsere Studie zeigt: Der menschengemachte Meeresspiegelanstieg ist heute der wichtigste Grund für die Zunahme solcher Extremereignisse.“

Entscheidend ist: Schon ein relativ kleiner Anstieg des mittleren Meeresspiegels kann große Folgen haben. Seit 1900 ist der Meeresspiegel im globalen Mittel um rund 20 Zentimeter gestiegen. Für Sturmfluten ist das relevant, weil sie von einem höheren Ausgangsniveau starten.

„Viele Menschen unterschätzen, was 20 Zentimeter Meeresspiegelanstieg bedeuten“, sagt Marzeion. „Bei einer Sturmflut kommen diese 20 Zentimeter nicht nur einfach oben drauf – sie verschieben die gesamte Ausgangslage.“

Die Studie ist global angelegt und keine lokale Gefährdungsanalyse für die deutsche Nordseeküste. Trotzdem sind die Ergebnisse für Norddeutschland relevant, denn sie zeigen: wenige Zentimeter können darüber entscheiden, wie sehr Küstenschutzinfrastruktur belastet wird.

Ben Marzeion fasst zusammen: „Für den Küstenschutz ist entscheidend, dass historische Erfahrungswerte nicht mehr gelten. Darauf müssen wir mit frühzeitiger Planung für die Anpassung reagieren.“