Über Jahrhunderte wurden die Wälder in Europa für die Holzproduktion optimiert. Das Ergebnis sind oft sehr ordentliche, gleichförmige Bestände, in denen alte, morsche Bäume oder natürliche Lichtungen fehlen. Diese Monotonie kann für die Artenvielfalt zum Problem werden. Eine Forschungsgruppe aus dem Biozentrum der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) hat nun gemeinsam mit Forschenden der Universitäten Marburg und München sowie des Nationalparks Bayerischer Wald im Projekt BETA FOR untersucht, wie sich gezielte Eingriffe zur Wiederherstellung einer abwechslungsreicheren Waldstruktur auf die Vielfalt an Fledermäusen und Vögeln auswirken.
Die Ergebnisse sind im Fachmagazin Current Biology veröffentlicht. Das Team des Waldökologen Professor Jörg Müller zeigt: Wenn der Mensch im Wald Lücken im Blätterdach schafft und Totholz liegen lässt, steigert das den Reichtum beider Artengruppen auf Ebene der Waldlandschaft. Dabei reagieren Vögel und Fledermäuse aber unterschiedlich auf die Veränderungen in ihrem Lebensraum.
Vögel als Heimwerker, Fledermäuse als Pendler
Vögel verhalten sich wie Heimwerker: Sie besetzen feste Reviere, wenn sie dort alles finden, was sie brauchen – vom Nistplatz bis zum Futter. Sie profitieren davon, wenn ihr angestammtes Waldstück mit Totholz und Lücken möglichst komplex strukturiert ist.
Fledermäuse dagegen sind wie Pendler: In einer Nacht legen sie weite Strecken zurück und besuchen dabei verschiedene „Spezialgeschäfte“. Mal jagen sie Insekten in einer dunklen, dichten Ecke des Waldes, mal nutzen sie helle Lücken als Einflugschneisen. Für sie ist es wichtig, dass sich die einzelnen Waldabschnitte räumlich voneinander unterscheiden.
Welche Arten neu auftauchten
Die Würzburger Studie zeigt, wie die Vielfalt durch Kronendachlücken und Totholz zunimmt. Bei den Fledermäusen kamen in unordentlicheren Wäldern im Schnitt zwei Arten neu dazu. „Das klingt wenig, ist aber dennoch viel, weil es in Deutschland insgesamt nur 25 Fledermausarten gibt“, sagt Doktorandin Clara Wild, die Erstautorin der Studie.
Die strukturreicheren Wälder zogen zum Beispiel Arten an wie die Nordfledermaus oder die Zweifarbfledermaus. Beide bevorzugen sonst offenes Gelände und sind in dichten, gleichförmigen Wäldern eher selten. Die Vögel profitierten besonders stark von lokalen Eingriffen, wie künstlich geschaffenen Waldlücken mit Totholz. Bei ihnen stieg vor allem die sogenannte funktionelle Vielfalt – das heißt, es kamen Arten mit sehr eigenen Lebensweisen dazu – etwa Totholzspezialisten wie verschiedene gefährdete Spechtarten.
Das Experiment: 234 Waldflächen in sechs Regionen
Die Forschenden führten die Studie in sechs Regionen in Deutschland durch: bei Lübeck, im Saarland, im Forst der Universität Würzburg, bei Passau, im Nationalpark Hunsrück-Hochwald und im Nationalpark Bayerischer Wald.

Insgesamt untersuchten sie 234 exakt definierte Waldflächen von 50 mal 50 Metern. Dort manipulierten sie gezielt den Wald für diversere Strukturen: Auf einigen Flächen sorgten sie für Lücken im Blätterdach, auf anderen platzierten sie Totholz wie Baumstümpfe oder liegende Stämme. Wie sich daraufhin die Artenvielfalt änderte, untersuchten sie in den vier bis sieben Jahren danach.
Akustische Überwachung der Rufe und Gesänge
Um herauszufinden, welche Tiere in den Waldstücken leben, nutzten die Forschenden ein akustisches Monitoring. Zu Zeiten, zu denen die Tiere am aktivsten sind, nahmen Rekorder die Rufe oder Gesänge auf. Die unsichtbaren Spione überwachten den Wald über drei Monate hinweg, ohne dass die Tiere durch die Anwesenheit von Menschen gestört wurden. Auf diese Weise identifizierte das Forschungsteam insgesamt 17 Fledermaus- und 72 Vogelarten.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass wir auch in monotonen artenarmen Wäldern die Artenvielfalt fördern können “, erklärt Clara Wild. „Durch kleine Eingriffe, die die Strukturvielfalt erhöhen, können wir wertvolle Nischen schaffen. Das macht den Wald vielfältiger und zieht Schädlingsbekämpfer wie Vögel und Fledermäuse gleichermaßen an.“
Forstwirtschaft sollte Mut zur Lücke zeigen
Die neuen Erkenntnisse sind eine weitere Orientierungshilfe für die Forstwirtschaft. „Ein strukturreicher Wald ist durch seine Vielfalt viel widerstandsfähiger gegen den Klimawandel“, sagt Jörg Müller. Für Forstbetriebe bedeute das: Mut zur Lücke: „Totholz im Wald zu lassen, kostet kurzfristig zwar etwas Holzertrag, sichert aber langfristig die Stabilität des gesamten Ökosystems.“
