Der Rohstoffhunger zerstört weltweit Wälder 

Um die wachsende Nachfrage nach Mineralien zu decken, werden weltweit Wälder gerodet, um Platz für Minen zu schaffen. Foto von Volker Braun via Canva

Mineralien sind das Fundament der modernen Wirtschaft und der Energiewende. Doch eine aktuelle Studie enthüllt den enormen ökologischen Preis des Booms: Für den Hunger nach Rohstoffen werden weltweit Millionen Hektar Wald gerodet – und ein Großteil des ökologischen Fußabdrucks der EU liegt weit außerhalb ihrer Grenzen.

Ob Elektrofahrzeuge, Smartphones, Windkraftanlagen oder moderne Bauten: Abgebaute Mineralien sind der unbestrittene Eckpfeiler der Weltwirtschaft. Die weltweiten Fördermengen haben in den letzten Jahrzehnten ein historisch nie dagewesenes Niveau erreicht. Um die unersättliche Nachfrage nach Erzen, Industriemetallen und Seltenen Erden zu decken, fällen Bergbaukonzerne weltweit Wälder in gigantischem Ausmaß. Doch die direkten Ursachen und die tatsächliche geografische Entkopplung zwischen Verbrauch und Zerstörung blieben in globalen Modellen lange Zeit unscharf.

Eine neue Untersuchung bringt nun Licht ins Dunkel der globalen Verflechtungen: Der Forscher Sebastian Luckeneder, vom Stockholm Resilience Centre, und seine Kollegen haben hochauflösende Satellitendaten zur globalen Baumbedeckung mit komplexen internationalen Lieferkettenmodellen verknüpft. Damit gelang es ihnen erstmals lückenlos nachzuverfolgen, wo Zerstörungen stattfanden und in welchen Ländern oder Wirtschaftssektoren die Rohstoffe schlussendlich konsumiert wurden.

Die Ergebnisse zeichnen ein eindrückliches Bild des globalen Minenbooms

Zwischen 2001 und 2019 standen etwa 1,5 Millionen Hektar des weltweiten Verlusts an Baumbedeckung in direktem Zusammenhang mit der Ausweitung des Bergbaus. Von diesem massiven Fußabdruck ließen sich 1,2 Millionen Hektar lückenlos über internationale Mineralien-Lieferketten zurückverfolgen – von den konkreten Förderregionen bis hin zu den Ländern und Wirtschaftssektoren, die die Rohstoffe schließlich verbrauchten. Ein signifikanter Anteil entfällt dabei auf Europa: Rund 148.000 Hektar und damit 12 Prozent des gesamten nachverfolgbaren ökologischen Fußabdrucks standen direkt im Zusammenhang mit der Nachfrage der Europäischen Union nach Mineralien.

Der blinde Fleck der Europäischen Union

Die Daten legen ein strukturelles Dilemma offen: Während sich die Europäische Union gerne als Vorreiterin in Umwelt- und Klimaschutzfragen präsentiert, lagert sie die gravierendsten Naturschäden systematisch in andere Kontinente aus. Von den 148.000 Hektar Wald, die zwischen 2001 und 2019 für den Rohstoffbedarf der EU fielen – eine Fläche, die fast der doppelten Größe des Stadtstaates Hamburg entspricht –, entstanden ganze 85 Prozent jenseits der europäischen Grenzen.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass trotz bestehender Governance-Bemühungen weiterhin erhebliche Umweltbelastungen in globalen Lieferketten verborgen sind“, erklärt Studienleiter Sebastian Luckeneder.

Besonders prägnant ist der Einfluss spezifischer Schlüsselbranchen innerhalb der Europäischen Union. Laut der Untersuchung entfiel allein ein Viertel des gesamten Rohstoff-Fußabdrucks der EU auf lediglich drei Sektoren: den Tiefbau und die Infrastruktur mit ihrem hohen Bedarf an Baustoffen, Eisen und Stahl, die Automobilherstellung aufgrund des Transformationsbedarfs an Aluminium, Kupfer, Lithium und Kobalt sowie die klassische Maschinen- und Anlagenproduktion mit ihren schweren Industriemetallen.

Globale Hotspots der Zerstörung

Die Rodungen konzentrieren sich nicht gleichmäßig über den Globus, sondern treffen ökologisch besonders sensible Schwellen- und Entwicklungsländer ebenso wie rohstoffreiche Industrienationen. Die Studie identifizierte klare globale Hotspots der bergbaubedingten Entwaldung: In Südamerika geraten vor allem das Amazonasbecken durch den Abbau von Eisenerz, Bauxit und Gold unter Druck. In Indonesien und Südostasien bedroht der massive Nickel- und Kohleabbau wertvolle Tropenwälder, während in Ghana und Westafrika der großflächige Gold- und Bauxitabbau zunehmend in geschützte Waldgebiete vordringt. Darüber hinaus verzeichnen auch Industrienationen wie Russland, Kanada, die USA und Australien erhebliche Boreal- und Primärwaldrodungen für Industriemetalle, Kohle und Seltene Erden.

Das Kontroll-Dilemma der Unternehmen

Die Ergebnisse werfen ein Schlaglicht auf die Komplexität moderner Unternehmungsverantwortung. Viele Konzerne stehen unter starkem gesellschaftlichem und regulatorischem Druck, ihre Umweltauswirkungen offenzulegen – scheitern jedoch an der Undurchsichtigkeit der ersten Glieder ihrer eigenen Wertschöpfungskette.

„Unsere Ergebnisse verdeutlichen eine große Herausforderung, vor der Unternehmen heute stehen: Es gibt eine wachsende Erwartung, naturbezogene Auswirkungen entlang der gesamten Unternehmenswertschöpfungsketten zu verstehen, zu steuern und offenzulegen, doch viele dieser Auswirkungen treten an Orten auf, an denen die Unternehmen kaum direkten Einblick oder Einfluss haben“, betont Mitautorin Laura Sonter von The Biodiversity Consultancy in Großbritannien.

Da Rohstoffe oft dutzende Zwischenhändler, Schmelzen und Verarbeitungsstufen auf verschiedenen Kontinenten durchlaufen, bevor sie im Endprodukt landen, ist die Rückverfolgbarkeit für einzelne Akteure enorm schwer zu realisieren.

Handlungsoptionen: Verbindliche Regeln statt Freiwilligkeit

Trotz der enormen Herausforderungen sehen die Studienautoren in den feingliedrigen Analysen konkrete Ansatzpunkte für die Politik. Da sich die Fußabdrücke nach Rohstoffen, Herkunftsländern und Konsumsektoren stark unterscheiden, lassen sich maßgeschneiderte Regulierungs- und Steuerungsinstrumente entwickeln.

Um der Auslagerung von Umweltschäden wirksam zu begegnen, fordern die Forscher eine Konsequenz in der europäischen Gesetzgebung: Den Bergbausektor lückenlos und verbindlich in bestehende und zukünftige Sorgfaltspflichten- und Lieferkettengesetze einzubinden. Nur wenn Unternehmen rechtlich haftbar für die ökologischen Folgen ihrer Lieferanten am Anfang der Kette gemacht werden, lässt sich der Raubbau an den Wäldern dieser Erde wirksam stoppen.