„Die Hitze war für viele Kommunen ein glühend heißer Weckruf“

Dr. T. Friedrich
Quelle: A. Jahn
Copyright: ISOE

Die extremen Temperaturen, hitzebedingten Todesfälle und die Waldbrände in weiten Teilen Europas der vergangenen Wochen haben die Dringlichkeit für Klimaanpassungsmaßnahmen verschärft. Doch die Anpassungspraxis, die in Deutschland seit 2024 staatliche Aufgabe ist, kann mit den Folgen des Klimawandels nicht Schritt halten. Wie können Kommunen jetzt kurzfristig auf die Krise reagieren, um langfristige Lösungen zu schaffen?  Ein Gespräch mit ISOE-Experte Thomas Friedrich über Herausforderungen, Zielkonflikte und Grenzen der Klimaanpassung. Dr. Thomas Friedrich ist Experte für Klimaanpassung am Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) und beschäftigt sich insbesondere mit der Wahrnehmung von Klimarisiken, den Anforderungen von Kommunen sowie dem Wissenstransfer zwischen Forschung, Politik und Verwaltung. Friedrich leitet die „Kommunalbefragung Klimaanpassung 2027“ im Auftrag des Umweltbundesamtes, die den Stand, die Bedarfe und die Umsetzung der Klimaanpassung in deutschen Kommunen erfasst.

 


Die Hitzewelle Ende Juni hat viele Menschen überrascht. Hat sie auch gezeigt, dass Kommunen beim Hitzeschutz noch nicht ausreichend vorbereitet sind?

Thomas Friedrich: Die Hitze war für viele Kommunen ein glühend heißer Weckruf. Aber man muss auch klar sagen: Ein Erkenntnisproblem gibt es nicht, denn fast 90 Prozent der befragten Kommunen haben die negativen Auswirkungen der Klimaveränderung schon 2023 klar erkannt. Leider hinkt die Praxis dieser Erkenntnis hinterher. Die Umsetzung in konkrete Maßnahmen ist das Problem.

Worin besteht die Herausforderung genau?

Sie besteht vor allem darin, dass echter Hitzeschutz für Kommunen eine Doppelbelastung ist: Es braucht den langfristigen Infrastrukturumbau – etwa das Aufbrechen versiegelter Flächen für mehr Stadtgrün – und zugleich akute Nothilfen wie kühle Aufenthaltsorte oder Räume an 35-Grad-Tagen. Diese komplexen Anforderungen zeitgleich systematisch anzugehen, ist eine große Hürde. Bislang hat erst ein Bruchteil der Kommunen ein fertiges Klimaanpassungskonzept oder einen Hitzeaktionsplan.

Wenn von Klimaanpassung die Rede ist, dachten viele bisher immer zuerst an Deiche oder Hochwasserschutz. Warum wird die Kombination aus Hitze und Dürre für Städte und Gemeinden zur mindestens ebenso großen Herausforderung?

Eine Flut ist ein dramatisches Ereignis, wie wir es zum Beispiel im Ahrtal gesehen haben. Hitze und Dürre haben bisher, zumindest bei uns in Deutschland, keine vergleichbaren Bilder von Zerstörung in solchem Ausmaß gezeigt. Dennoch sind sie ein extrem gefährliches Duo, das auch Menschenleben fordert. Wir wissen alle aus eigener Erfahrung: Hohes Fieber und starker Durst sind keine gute Kombination. Schlecht isolierte Wohnungen stauen die Hitze wie in einem Backofen, das gefährdet alte, kranke und sehr junge Menschen akut. Gleichzeitig führt Dürre dazu, dass Böden und Ökosysteme durch ausbleibenden Niederschlag und Verdunstung nach und nach Wasser verlieren – und damit an Lebenskraft einbüßen. In der Folge verdorren genau die Bäume, die uns eigentlich Schatten spenden und kühlen sollten.

Gegen die Fluten lassen sich Deiche bauen.

Genau. Gegen Hochwasser können technische Schutzmaßnahmen wie Deiche einen wichtigen Beitrag leisten. Gegen Hitze und Dürre braucht es dagegen eine Vielzahl miteinander verbundener Maßnahmen – von der Wasserspeicherung über mehr Stadtgrün bis hin zu einer klimagerechten Gestaltung unserer Lebensräume. Das heißt, einzelne technische Anpassungsmaßnahmen helfen gegen die Austrocknung nicht – es braucht einen grundlegenden klimagerechten Umbau der Städte. Um eine natürliche Kühlung dauerhaft zu sichern, müssen wir Regenwasser wie ein Schwamm vor Ort zurückhalten und speichern. Denn nur mit ausreichend Wasser überlebt die schattenspendende Vegetation – unser wichtigster Schutzschild gegen Hitze.

Sie forschen im EU-Projekt „Cultures of the Cryosphere“ unter anderem zu Kühlketten. Warum ist dieses Thema für die Klimaanpassung so wichtig?

Künstliche Kälte ist eine nahezu unsichtbare Grundbedingung unseres modernen Lebens. Bei langen Hitzewellen sind Kühlketten für Medikamente oder Lebensmittel überlebenswichtig – ohne Dauerkühlung würde das gesellschaftliche Leben kollabieren. Diese Verwundbarkeit unseres Alltags ist leider den wenigsten bewusst. Die Krux ist der thermische Teufelskreis: Um drinnen zu kühlen, führen Klimaanlagen die Wärme nach draußen ab und heizen so den öffentlichen Raum weiter auf. Klimaanpassung darf das Hitzeproblem nicht buchstäblich vor die Tür verlagern, indem sie massenhaft auf Klimaanlagen setzt. Nachhaltiger ist die passive Kühlung durch Entsiegelung, Gebäudedämmung und schattenspendendes Stadtgrün. Für sensible Bereiche wie Krankenhäuser bleiben Klimaanlagen natürlich unverzichtbar, doch technische Kühlung darf nicht unsere einzige Antwort sein.

Erste Kommunen haben inzwischen Klimaanpassungskonzepte. Woran entscheidet sich, ob daraus tatsächlich wirksame Maßnahmen werden?

Das entscheidet sich an der Personalausstattung und den Verwaltungsstrukturen, denn mit einem Konzept in der Schublade ist noch kein Baum gepflanzt. Kreisfreie Städte sind hier meist schon weiter, die kleinen und mittleren Gemeinden, stehen oft noch ganz am Anfang. Das liegt selten an fehlendem Willen, sondern an der Überforderung durch Zeit-, Geld- und Personalmangel. Zudem trifft das Thema Klimaanpassung im Rathaus oft auf starre Ämter-Silos, in denen Sachbearbeiter*innen relativ isoliert an ihren Aufgaben arbeiten. Aber Klimaanpassung ist eine Querschnittsaufgabe. Zersplitterte Zuständigkeiten machen selbst die besten Pläne wirkungslos.

Wie lässt sich Klimaanpassung als Querschnittsaufgabe gezielt angehen?

Damit Strategien umgesetzt werden, braucht es in den Kommunen eine zentrale Ansprechperson für das Klimaanpassungsmanagement, die ressortübergreifend handeln darf. Zum anderen muss die aktuell kurzatmige Projektförderung für einzelne Maßnahmen einer verlässlichen, dauerhaften Finanzierung für Klimaanpassung weichen. Und schließlich spielt das Monitoring der umgesetzten Maßnahmen eine wichtige Rolle: Wird die Wirksamkeit der Maßnahmen dann noch regelmäßig überprüft – was erst die wenigsten der Kommunen tun – endet der Blindflug.

Wie steht es um die Akzeptanz für Anpassungsmaßnahmen in der Bevölkerung?

Die Sorge vor mangelnder Akzeptanz der Klimaanpassung bei den Bürgerinnen und Bürgern ist weitgehend unbegründet. Unsere Kommunalbefragung zeigt, dass weniger als ein Viertel der befragten Kommunen fehlende Unterstützung aus der Bevölkerung als Problem ansieht. Im Gegenteil: Für über die Hälfte der Befragten ist die direkte Verbesserung der Lebensqualität vor Ort der stärkste Motor, das Thema anzugehen. Hinzu kommt, dass Klimaanpassung den Bürgerinnen und Bürgern in der Regel keinen Verzicht abverlangt. Im Gegenteil, sie erleben gut gemachte Maßnahmen vielmehr als unmittelbare Aufwertung ihres eigenen Lebensraums.

Die Kommunen haben den Handlungsbedarf erkannt, die Akzeptanz für Klimaanpassung in der Bevölkerung steigt. Es geht trotzdem zu langsam. Liegt es am fehlenden politischen Willen?

Grundsätzliche Unterstützung ist vor Ort durchaus vorhanden. Nur knapp ein Viertel der Kommunen stuft fehlende politische Akzeptanz als Umsetzungshürde ein. Es hakt vielmehr an den sogenannten Priorisierungslücken. Das heißt, die wichtigsten Aufgaben werden durchaus erkannt, kommen aber nicht in die Umsetzung. Das hat auch mit harten Zielkonflikten zu tun. Selbst wenn detaillierte Risikoanalysen vorliegen und Einigkeit über das Ziel herrscht, konkurriert die Klimaanpassung vor Ort vielfach mit anderen berechtigten Interessen – und natürlich auch um finanzielle Mittel in Zeiten knapper Haushaltskassen.

Haben Sie ein Beispiel für einen typischen Zielkonflikt?

Der Hitzeschutz rutscht auf der Prioritätenliste schnell mal nach unten, wenn zum Beispiel das Pflanzen neuer Bäume Parkplätze verdrängt. Anpassungsmaßnahmen werden deshalb oft erst umgesetzt, wenn sich zum Beispiel durch eine Straßensanierung Gelegenheitsfenster öffnen. Um Tempo aufzubauen, müssen solche Zufälle von festen Routinen abgelöst werden. Kommunen brauchen deshalb klare rechtliche Leitplanken von Bund und Ländern, wie etwa Entsiegelungsvorgaben. Das erspart ihnen das ständige Neuaushandeln von Maßnahmen.

Nach jeder Hitzewelle wird über mehr Bäume, Trinkbrunnen oder Verschattung gesprochen. Welche Maßnahmen entfalten aus wissenschaftlicher Sicht tatsächlich eine große Wirkung?

Das hängt stark vom Ort ab. In dicht bebauten Großstädten geht es primär darum, Flächen zu entsiegeln, um Hitzeinseln zu entschärfen. Ländliche Räume brauchen dagegen eine „Schwammregion“ – etwa durch Waldumbau oder veränderte Landwirtschaft –, um Regenwasser großflächig in der Landschaft zu halten. Oft übersehen wird bei der Priorisierung zudem die soziale Frage, denn die Belastung durch Hitze ist extrem ungleich verteilt. Sie trifft einkommensschwächere Menschen stärker. Wer in einer ungedämmten Dachgeschosswohnung lebt, leidet massiv. Die sogenannte Kältearmut kostet im schlimmsten Fall Leben, wie die jüngste Hitzewelle gezeigt hat. Öffentliche „kühle Orte“, Parks oder Trinkbrunnen sind deshalb kein architektonisches Beiwerk. Nach dem Prinzip „Cooling the Commons“ machen sie Abkühlung für alle Bürgerinnen und Bürger frei verfügbar und wirken damit der sozialen Ungleichheit bei Extremtemperaturen gezielt entgegen.

Was wäre Ihr wichtigster Rat an Kommunen, bevor die nächste Hitzewelle kommt?

Blinder Aktionismus hilft ebenso wenig wie das Warten auf den Masterplan. Kommunen müssen Sofortmaßnahmen und strategische Planung zwingend parallel vorantreiben. Sie dürfen dabei keinen wirkungslosen Flickenteppich an Einzelmaßnahmen produzieren – ein wahllos gepflanzter Baum kühlt nicht, wenn er die künftigen Temperaturen gar nicht überlebt. Damit dieses parallele Vorgehen gelingt, brauchen Kommunen verlässliche Leitplanken und finanzielle Absicherung durch Bund und Länder. Klar muss aber auch sein: Eine Stadt lässt sich nicht unbegrenzt wie ein überdimensionierter Kühlschrank herunterkühlen. Ein globaler Temperaturanstieg von 2,8 Grad bedeutet eine drastische Zunahme zerstörerischer Extremwetter, an die sich Kommunen schlicht nicht mehr anpassen können. Lokaler Hitzeschutz darf deshalb niemals als Ausrede dienen, beim Klimaschutz weiterhin auf die Bremse zu treten.