Ob als Schiffstreibstoff, als Grundlage für Kunststoffe oder zur Leimherstellung: Methanol steckt in vielen Alltagsprodukten, wird aber weltweit fast ausschließlich aus Erdgas oder Kohle gewonnen. Ein neuer Leitfaden zeigt nun, wie Mecklenburg-Vorpommern diesen wichtigen chemischen Grundstoff künftig aus Windstrom, Sonnenenergie und biogenen Reststoffen herstellen kann. Entwickelt wurde das Papier im Arbeitskreis Methanol, den das WindEnergy Network e. V. und das Greifswalder Leibniz-Institut für Plasmaforschung und Technologie e. V. (INP) ins Leben gerufen haben.
Praktisch das gesamte weltweit produzierte Methanol, rund 99 Prozent, stammt laut Leitfaden bislang aus fossilen Rohstoffen wie Erdgas oder Kohle. Grünes Methanol lässt sich dagegen aus grünem Wasserstoff und Kohlendioxid herstellen. Der Wasserstoff entsteht dabei durch Elektrolyse mittels Stroms aus Wind- oder Solaranlagen, das benötigte CO₂ kann aus biogenen Quellen oder industriellen Abgasen stammen. Ein zweiter Weg führt über biogene Reststoffe und Abfälle, die zunächst in ein Gasgemisch umgewandelt und dann zu Methanol weiterverarbeitet werden.
Wind und biogene Reststoffe
Mecklenburg-Vorpommern bringt dafür laut Leitfaden gute Voraussetzungen mit: reichlich erneuerbare Energien, nutzbare CO₂-Quellen, Industrie- und Hafenstandorte sowie eine aktive Forschungslandschaft. Erste Projekte zeigen bereits, wie das aussehen kann. Im Projekt „Green Dettmannsdorf“ sollen Wind- und Solarenergie, Batteriespeicher und Nahwärme mit der Nutzung biogener Reststoffe verbunden werden. Biogenes CO₂ aus der wiederbelebten Brennerei „Baltic Distillery“ soll dabei in Methanol umgewandelt werden. Die konkrete Planung wurde im November 2025 angestoßen.
Wie Mecklenburg-Vorpommern eine Methanolwirtschaft aufbauen kann
In Anklam plant Enertrag gemeinsam mit dem Zuckerfabrikbetreiber Cosun Beet Company eine Anlage, die biogenes CO₂ aus der Verarbeitung von Zuckerrüben nutzt. Im Hafen Mukran fährt seit April 2025 das weltweit erste methanolbetriebene Versorgungsschiff für einen Offshore-Windpark. Auch abseits einzelner Anlagen entstehen im Land größere Forschungsverbünde. Im Bündnis biogeniV arbeiten mehr als 40 Partner aus dem östlichen Mecklenburg-Vorpommern daran, biogene Reststoffe und CO₂ mit Wind- und Solarenergie zu grünem Methanol zu verarbeiten. Der Bund fördert das Vorhaben mit 15 Millionen Euro, bis 2028 sollen erste Demonstrationsanlagen entstehen.
In Rostock bündeln das Fraunhofer-Institut für Großstrukturen in der Produktionstechnik (IGP), das Leibniz-Institut für Katalyse (LIKAT) und das INP ihre Kompetenzen in der Forschungsfabrik Wasserstoff MV. Während LIKAT und INP an der Erzeugung von grünem Wasserstoff und alternativen Kraft- und Speicherstoffen forschen, testet das Fraunhofer IGP auf einem eigenen Großmotorenprüffeld, wie sich diese Kraftstoffe in der maritimen Industrie einsetzen lassen.
„Mecklenburg-Vorpommern verfügt über viele Bausteine, die für eine Methanolwirtschaft wichtig sind. Dazu gehören erneuerbare Energien, nutzbare CO₂-Quellen, Häfen, industrielle Abnehmer und Forschungseinrichtungen. Entscheidend ist nun, diese Bereiche gemeinsam zu planen und verlässliche Rahmenbedingungen für konkrete Projekte zu schaffen, damit daraus neue regionale Wertschöpfung entsteht.“, sagt Yvette Gonzalez, Clustermanagerin HyCore am INP.
Wo es noch hakt
Vorhandene Potenziale allein reichen jedoch nicht für eine wirtschaftlich tragfähige Methanolproduktion. Grünes Methanol kostet derzeit deutlich mehr als das fossile Produkt, langfristige Liefer- und Abnahmeverträge fehlen häufig. Hinzu kommen komplexe Genehmigungsverfahren sowie Strom-, Wasserstoff- und CO₂-Infrastrukturen, die noch nicht ausreichend miteinander verbunden sind. Auch fehlen für kleinere und mittlere Standorte bislang marktreife modulare Anlagen.
Der Leitfaden empfiehlt daher, regionale Standorte der Methanolproduktion rund um Energieerzeugung, industrielle Abnehmer und Häfen sowie CO₂-Punktquellen aufzubauen. Hierzu zählen Biogasanlagen oder Zuckerrübenverarbeitung. Die Wasserstoffversorgung sollte dabei von Anfang an mitgeplant werden. Zudem müssten Genehmigungsverfahren besser aufeinander abgestimmt sein. Weitere Empfehlungen betreffen Demonstrationsprojekte, Forschungspartnerschaften, langfristige Abnahmevereinbarungen und eine transparente Kommunikation mit der Bevölkerung.
Leitfaden bündelt Expertenwissen
Der „Methanol-Leitfaden Mecklenburg-Vorpommern“ beschreibt auf 43 Seiten die regionale Ausgangslage, laufende Projekte und mögliche Anwendungsfelder. Er benennt außerdem technische, wirtschaftliche und regulatorische Hürden und gibt Empfehlungen, wie Politik, Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam eine nachhaltige Methanolwirtschaft aufbauen können.
Erarbeitet wurde der Leitfaden durch Fachleute aus Wirtschaft und Wissenschaft, die sich im Arbeitskreis Methanol zusammengefunden haben. Hierzu gehören unter anderem das INP aus Greifswald, das WindEnergy Network sowie das LIKAT und Fraunhofer IGP aus Rostock und das Institut für Regenerative EnergieSysteme der Hochschule Stralsund. Initiiert wurde die Arbeit durch INP und WindEnergy Network im Rahmen des HyCore Innovationsclusters Wasserstoff M-V sowie der Projekte Windenergiecluster M-V und Zukunftsenergie M-V.
Der fachliche Austausch im Arbeitskreis soll fortgesetzt werden. Ein vierter Methanolworkshop ist für das vierte Quartal 2026 geplant. „Der Leitfaden bündelt die Perspektiven verschiedener Akteure aus Wirtschaft und Wissenschaft. Mit dem vierten Methanolworkshop wollen wir den fachlichen Austausch fortsetzen und die aufgezeigten Handlungsfelder weiter vertiefen“, sagt Peter Wieland, Projektmanager beim WindEnergy Network. WindEnergy Network und INP schaffen mit dem Arbeitskreis Methanol eine wichtige Plattform, um Wissen und Kompetenzen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Praxis zu bündeln und damit den Weg von einzelnen Projekten hin zu einer zukunftsfähigen Methanolwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern zu ebnen.
Der Methanol-Leitfaden Mecklenburg-Vorpommern steht hier zum Download bereit:
https://hycore-mv.de/wp-content/uploads/2026/08/260720_MethanolLeitfaden.pdf
