Die Artenvielfalt ist im Fokus der Kommunen

Auf die Mischung kommt es an: Gemähter Rasen liegt hier neben einer wilden Grünfläche. © Valentin Klaus

Artenvielfalt ist für 85 Prozent der europäischen Kommunen zentrale Motivation bei Planung und Pflege von städtischen Grünflächen. Das hat eine Befragung von Behördenvertretern in 574 Kommunen ergeben. Viele Kommunen führen Mitarbeiterschulungen durch und ergreifen Maßnahmen, um die öffentliche Akzeptanz artenvielfaltfördernder Grünflächenpflege zu steigern. „Zum ersten Mal lassen sich damit ermutigende Fortschritte bei der systematischen Förderung der Artenvielfalt in Kommunen in ganz Europa belegen“, sagt Valentin Klaus, Professor für Stadtökologie und Biodiversität an der Ruhr-Universität Bochum. 

Die global zunehmende Verstädterung treibt durch den Verlust und die Fragmentierung von Lebensräumen den weltweiten Rückgang der biologischen Vielfalt an. Gleichzeitig haben städtische Grünflächen wie Parks, Wiesen und Wälder das Potenzial, wesentlich zum Erhalt der lokalen und regionalen biologischen Vielfalt beizutragen.

Kommunen als Schlüsselakteure erstmals im Fokus der Forschung

Politische Initiativen wie der Europäische Green Deal ermutigen Städte, die ökologische Qualität ihrer städtischen Grünflächen zu verbessern. „Solche Grünflächen machen im Durchschnitt immerhin 40 Prozent der Landbedeckung europäischer Hauptstädte aus“, verdeutlicht Ellen De Vrieze, Mitarbeiterin der Universität Ghent und Erstautorin der Studie. Jüngste Rechtsvorschriften, darunter die EU-Wiederherstellungsverordnung, unterstreichen ebenfalls, dass es notwendig ist, die ökologische Qualität der Natur in Städten zu verbessern. Dennoch standen Kommunen als Schlüsselakteure im Management und in der Planung der städtischen Grünflächen und ihrer Biodiversität bislang selten im Fokus der Forschung. „Es war daher unklar, inwieweit Städte und Gemeinden der Biodiversität bei der Planung und Pflege städtischer Grünflächen in verschiedenen Ländern und Klimazonen einen hohen Stellenwert einräumen“, sagt Valentin Klaus.

Forschungsteam schickt Fragebogen in 18 Länder

Um besser zu verstehen, welche Bedeutung der Biodiversität in öffentlichen städtischen Grünflächen beigemessen wird, hat das Forschungsteam europaweit Mitarbeitende der Grünflächenplanung und -pflege von 574 Kommunen befragt. Der standardisierte Fragebogen erfasste die zugrundeliegende Motivation, die Managementziele sowie die Maßnahmen, mit denen die Kommunen die Akzeptanz wilder, artenreicher Grünflächen in der Öffentlichkeit fördern.

  • 85 Prozent der Kommunen gaben an, dass die Artenvielfalt eine zentrale Motivation bei der Planung und Pflege von Grünflächen sei.
  • 82 Prozent führen Mitarbeiterschulungen zur Biodiversität durch.
  • 75 Prozent ergreifen Maßnahmen, um die öffentliche Akzeptanz artenvielfaltfördernder, wilder Grünflächen zu steigern.
  • Nur 19 Prozent gaben an, dass sich der ökologische Zustand städtischer Grünflächen im vorangegangenen Jahr verschlechtert habe.

Kommunen in Ländern mit einem höheren Lebensqualitätsindex neigten dazu, der Biodiversität einen höheren Stellenwert einzuräumen

Besonders erfolgreich: Menschen einbinden

„Der Erfolg einer biodiversitätsfreundlichen Pflege städtischer Grünflächen hängt nicht allein von ökologischem Fachwissen und dem Engagement der Stadtverwaltungen ab, sondern ganz maßgeblich auch von der Einbindung und Unterstützung der Bewohner“, so Valentin Klaus. Er wertet es daher als besonders positiv, dass viele Kommunen Maßnahmen ergreifen, die die öffentliche Akzeptanz für artenvielfaltfördernde Pflege steigern, denn artenreiche Grünflächen sehen oft etwas wilder und natürlicher aus als ein englischer Rasen. Eine knappe Mehrheit der Städte gab auch an, die Bevölkerung direkt in die Planung von Grünflächen einzubinden. „Das kann auch ein Ausgangspunkt für Bottom-up-Initiativen zur städtischen Biodiversität sein“, meint Valentin Klaus. „Es gibt Hinweise darauf, dass Partizipation den Bürgern zusätzliche Vorteile bieten und sowohl die soziale als auch die ökologische Resilienz der Kommunen stärken kann.“

KI generiert www.dieLinde.online

Die Ergebnisse könnten einen Wandel in der öffentlichen Verwaltung hin zu postmaterialistischen Werten widerspiegeln, bei dem Stadtverwaltungen zunehmend in der Lage sind, über menschliche Bedürfnisse hinauszublicken und auch Wert auf die Förderung der Koexistenz verschiedener Arten im städtischen Umfeld zu legen, hoffen die Forschenden.