Sorgen über die wirtschaftliche Entwicklung versus Klimawandel

Für die deutsche Bevölkerung ist der Klimawandel nicht mehr das drängendste gesellschaftliche Problem: Die wirtschaftliche Lage hat ihn im Jahr 2025 erstmals überholt. Gleichzeitig ist die Zustimmung zu zentralen Maßnahmen der Energiewende, wie dem Ausbau erneuerbarer Energien und der Stromnetze, so hoch wie nie zuvor. Das geht aus einer aktuellen Auswertung des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung im Rahmen des von der E.ON Foundation geförderten Projekts „Sozialökologisches Panel“ hervor. Es erhebt seit 2021 jährlich Einstellungen der Bevölkerung zu Klimaschutz und Energiewende und ermöglicht so die Analyse langfristiger Trends.

Während 2021 noch 59,3 Prozent der Befragten den Klimawandel als eines der zwei wichtigsten Probleme sahen, waren es 2025 nur noch 31,8 Prozent. Erstmals liegt die wirtschaftliche Lage vorn, die 37,0 Prozent der Befragten als eines der beiden dringendsten Probleme nennen, gefolgt vom Thema Umwelt und Klimawandel mit 31,8 Prozent. Danach folgten die internationale Sicherheitslage mit 29,4 Prozent sowie Inflation mit 21,4 Prozent. Einwanderung lag mit 19,1 Prozent deutlich niedriger als in den beiden Vorjahren.

Die abnehmende gefühlte Dringlichkeit ist dabei nicht mit wachsender Skepsis gegenüber dem Klimawandel selbst zu verwechseln: 93,9 Prozent der Befragten glauben 2025 an seine Existenz, 72,4 Prozent von ihnen halten ihn für menschengemacht. Beide Werte liegen seit Beginn der Messung im Jahr 2021 im Rahmen des Sozialökologischen Panels konstant auf hohem Niveau.

Konkrete Maßnahmen der Energiewende erreichen im Jahr 2025 hohe Zustimmungswerte: Den Ausbau der erneuerbaren Energien befürworten 88,6 Prozent – ein über die Jahre konstant hoher Wert; den Ausbau der überregionalen Stromnetze 88,0 Prozent – seit 2021 ein Plus von knapp 17 Prozentpunkten. Den Kohleausstieg halten 77,7 Prozent für richtig, den Ausstieg aus der Kernenergie hingegen nur 58,1 Prozent. Nach einem deutlichen Rückgang in den Jahren 2022 bis 2024 ist dieser Wert nun wieder auf dem Niveau von 2021.

Zugleich sinkt die Bereitschaft, für den Klimaschutz Einbußen beim Wirtschaftswachstum in Kauf zu nehmen: Nur noch 51,8 Prozent der Befragten befürworten dies 2025, nach 64,7 Prozent im Jahr 2022. Bei der Verwendung der Einnahmen aus der CO2-Bepreisung bevorzugt die Bevölkerung weiterhin mit deutlichem Abstand den Ausbau der Erneuerbaren (84,4 Prozent), gefolgt von der Senkung der Netzentgelte (66,7%). Demgegenüber sprechen sich nur 43,3 Prozent für eine jährliche Pro-Kopf-Rückzahlung, dem „Klimageld“, aus, dessen Zustimmung seit 2022 (30,1 Prozent) aber merklich gestiegen ist. Dies macht die Pro-Kopf-Rückzahlung, wenn auch mit deutlichem Abstand zur Förderung der erneuerbaren Energien und der Senkung der Netzentgelte, zu einer akzeptierten Alternative.

„Innerhalb von nur vier Jahren haben sich die Prioritäten der Menschen gedreht. 2021 nannten noch etwa 60 Prozent der Befragten das Thema Umwelt und Klimawandel als eines der beiden wichtigsten Probleme des Landes, 2025 sind es nur noch knapp 32 Prozent. Im gleichen Zeitraum hat sich der Anteil derer, die die wirtschaftliche Lage als eines der beiden wichtigsten Probleme nennen, von etwa 15 auf 37,0 Prozent mehr als verdoppelt“, sagt RWI-Energieexperte Manuel Frondel.

„Für die Politik bedeutet das: Erstens sollte sie baldmöglichst umfangreiche Wirtschaftsreformen beschließen. Und zweitens darf sie Klimaschutz und wirtschaftliche Entlastung nicht getrennt voneinander behandeln. Ein konkreter Hebel wäre, die Stromsteuer für private Haushalte endlich auf das EU-weite Minimum zu senken, wie im Koalitionsvertrag bereits vereinbart. Das würde Verbraucher spürbar entlasten.“

„Das Sozialökologische Panel zeigt, dass die Menschen Klimaschutz und wirtschaftliche Entwicklung nicht gegeneinander ausspielen“, sagt Stephan Muschick, Geschäftsführer der E.ON Foundation. „Die hohe Zustimmung zur Energiewende ist ermutigend. Die Zahlen sind dennoch eine Mahnung an die Politik: Klimaschutz wird von der Bevölkerung nicht bedingungslos mitgetragen. Langfristige Akzeptanz wird nur gelingen, wenn der Wandel fair gestaltet wird und die Menschen auch wirtschaftlich davon profitieren können.“

Das RWI wertete für die Analyse die Antworten von 3.224 Personen des forsa.omninet-Panels aus, die zwischen 2021 und 2025 an allen fünf Erhebungswellen des Sozialökologischen Panels teilgenommen haben. Die Erhebung 2025 fand im Zeitraum vom 23. Oktober bis zum 12. November statt. Die Rekrutierung für das forsa.omninet-Panel erfolgt zufällig und online im Rahmen der von forsa täglich durchgeführten telefonischen Mehrthemenumfrage. Eine Selbstrekrutierung ist damit ausgeschlossen. Die Befragung erfolgte online über einen strukturierten Fragebogen; die Ergebnisse sind nach Bundesland, Region, Alter und Geschlecht bevölkerungsrepräsentativ gewichtet.