Ökosystemleistungen kennen keine Grenzen

Studie bewertet und quantifiziert Ökosystemleistungs-Ströme

Kakaoplantage in Afrika Janina Kleemann

Was haben Kakao, Zugvögel, Hochwasserschutz und Pandas gemeinsam? Viele Länder profitieren von Ökosystemleistungen, die zuvor in anderen Ländern erbracht wurden. Wo und wie Ökosystemleistungs-Ströme verlaufen, ist jedoch kaum bekannt. Wissenschaftler*innen des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) konnten nun in einer im Fachjournal Global Environmental Change veröffentlichten Studie zeigen, wie interregionale Ökosystemleistungs-Ströme aufgedeckt und quantifiziert werden können.

„Ökosystemleistungen kennen keine Grenzen“, sagt Prof. Aletta Bonn, die sich an UFZ und iDiv mit dem Thema Ökosystemleistungen befasst. „So profitiert etwa ein Land von landwirtschaftlichen Produkten aus anderen Erdteilen oder dem Schutz vor Hochwasser, den Auengebiete eines Nachbarlandes erbringen.“ Diese engen Verflechtungen zwischen weit entfernten Regionen durch Ökosystemleistungen werden auch als Telecoupling bezeichnet. Ihr Verständnis kann dazu beitragen, den Wert von intakter Natur zu erkennen, globale Treiber für den Verlust der biologischen Vielfalt oder Bodenerosion zu identifizieren und daraus Maßnahmen für nachhaltigeres Handeln zu entwickeln. „Es wäre äußerst sinnvoll, die durch heimischen Konsum in anderen Ländern entstandenen Schäden und Umweltkosten zu erfassen“, sagt Aletta Bonn.

Foto: UFZ

„Diese Informationen könnten dann in politische Entscheidungen einfließen, wie etwa faire Handelsstandards, umwelt- und sozialverträgliche Zertifizierung oder finanzielle Ausgleichsmaßnahmen.“ Doch wie können Ökosystemleistungs-Ströme identifiziert, quantifiziert und letztlich zwischen einzelnen Ländern ausgeglichen werden? Diesen Fragen sind die Forscher in ihrer aktuellen Studie nachgegangen. Darin untersuchten sie, in welchem Ausmaß Deutschland Ökosystemleistungen nutzt, die in anderen Ländern erbracht werden. „In vorherigen Arbeiten hatten wir bereits einen konzeptionellen Rahmen zur Quantifizierung interregionaler Ökosystemleistungs-Ströme entwickelt“, sagt Aletta Bonn. „Darin sind diese Ströme in vier Kategorien eingeteilt, aus denen wir jeweils ein ausgewähltes Fallbeispiel für Deutschland genauer beleuchtet haben.“ So untersuchten die Wissenschaftler*innen Handelsströme am Beispiel von Kakaoimporten und ihre Auswirkungen auf die biologische Vielfalt in den produzierenden Ländern. „Es zeigte sich, dass rund 85 Prozent des importierten Kakaos aus nur fünf Ländern überwiegend Westafrikas stammen – der Elfenbeinküste, Ghana, Nigeria, Kamerun und Togo. Erhebliche Auswirkungen auf die biologische Vielfalt sind vor allem in Kamerun und Ecuador durch den Kakaoexport nach Deutschland zu verzeichnen “, sagt Dr. Janina Kleemann, Autorin der Studie und ehemalige UFZ-Forscherin, die mittlerweile an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig ist.

Foto: Uni Halle

In der Kategorie „Wandernde Arten“ untersuchten sie die Bedeutung von Zugvögeln für die deutsche Landwirtschaft. „Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass Afrikas tropische und subtropische Klimazonen der Mehrheit von Zugvogelarten einen Lebensraum bieten, die einen wichtigen Beitrag zur Schädlingsbekämpfung in deutschen Agrarlandschaften leisten“, erklärt Kleemann. Ökosystemleistungen in Hinblick auf den Hochwasserschutz sind der Kategorie „Passive biophysikalische Ströme“ zugeordnet. Hier kamen die Forscher*innen zu dem Ergebnis, dass Deutschland zu zwei Drittel von der Hochwasserregulierung in Auen anderer Länder profitiert, im Gegenzug aber auch rund 40 Prozent in nachgelagerte Nachbarländer wie zum Beispiel die Niederlande exportiert. In der Kategorie „Informationsflüsse“ diente das chinesische Riesenpanda-Darlehen an den Zoo Berlin als Fallbeispiel. Hier konnte das Forscherteam politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche sowie kulturelle Aspekte dieses Austauschs für die Beziehung zwischen Deutschland und China herausstellen.

„Um unsere Studie auf eine breite und verlässliche Basis zu stellen, haben wir für unsere Untersuchungen in einem internationalen und interdisziplinären Team aus Ökologen, Ökonomen, Geografen und Sozialwissenschaftlern zusammengearbeitet“, erklärt Aletta Bonn.

Die UFZ-Studie ist eine der ersten Studien, die mehrere interregionale Ökosystemleistungs-Ströme beispielhaft für ein Land aufzeigt und systematisch quantifiziert und bewertet. Das Wissen um diese Ströme ist der erste Schritt hin zu einem fairen Ausgleich von Ökosystemleistungen, besserem Ressourcenmanagement und nachhaltigem Handeln. „Wenn wir wissen, in welchem Maße wir mit unserem Konsum und unseren Handelsentscheidungen die Natur weltweit beeinflussen, können wir künftig bessere Konsumentscheidungen treffen und passgenaue Maßnahmen für ein nachhaltiges Handeln entwickeln“, sagt Aletta Bonn. „Unsere Studie demonstriert deutlich, dass Länder wie Deutschland eine globale Verantwortung für den Schutz und Erhalt der biologischen Vielfalt tragen.“