Drei Monate lang haben Forschende im Norden Schwedens Pflanzen, Insekten und Treibhausgase untersucht. Statt des kurzen arktischen Sommers erwarteten sie Regen, Sturm und Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt. Ihre Arbeit soll helfen zu verstehen, wie sich der Klimawandel auf empfindliche Ökosysteme auswirkt – und welche Rolle die Tundra künftig für den Kohlenstoffhaushalt der Erde spielt.
Es ist Ende Juli. In vielen Teilen Europas bringen Hitzewellen die Menschen ins Schwitzen. Weit im Norden Schwedens warten Forschende dagegen vergeblich auf den Sommer. Regen peitscht über die Landschaft, der Wind macht die Arbeit im Freien zur Belastungsprobe. Die Temperaturen liegen häufig nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt.
Für Blandine Lyonnard, Doktorandin an der Universität Göteborg, und ihr Team ist das mehr als eine unangenehme Erfahrung. Drei Monate lang haben sie in der Nähe von Abisko untersucht, wie sich veränderte Temperaturen auf die Vegetation der Tundra auswirken. Die Ergebnisse sollen zeigen, was mit Pflanzen, Bestäubern und den natürlichen Kohlenstoffspeichern passiert, wenn sich die klimatischen Bedingungen verändern.
Ein Langzeitexperiment in der arktischen Landschaft
Der Forschungsstandort Latnjajaure liegt oberhalb der Baumgrenze in Nordschweden. Gräser, Sauergräser, Zwergsträucher, Moose und Flechten prägen die Landschaft. Seit den 1990er-Jahren untersuchen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hier, wie der Klimawandel dieses empfindliche Ökosystem verändert.
Ein besonderer Vorteil des Standorts: Einige Versuchsflächen werden bereits seit rund 30 Jahren künstlich erwärmt. Hinzu kommen natürliche Unterschiede zwischen den Höhenlagen und dem Zeitpunkt der Schneeschmelze. So lässt sich untersuchen, wie sich unterschiedliche Temperaturen und Vegetationsperioden auf die Pflanzenwelt auswirken. Die Forschenden interessieren sich dabei nicht nur dafür, welche Pflanzen wachsen und wie schnell sie sich entwickeln. Sie wollen auch verstehen, wie die einzelnen Bestandteile des Ökosystems zusammenwirken.
Wie verändern sich Blütezeiten?
Finden bestäubende Insekten noch genügend Nahrung? Und nimmt der Boden mehr Kohlendioxid auf, als er an die Atmosphäre abgibt – oder wird er unter veränderten Bedingungen zur zusätzlichen Quelle von Treibhausgasen? Diese Fragen hängen eng miteinander zusammen. Wenn sich die Vegetation verändert, kann das auch den Wasserhaushalt, die Bodenprozesse und den Austausch von Treibhausgasen beeinflussen.
Der Sommer 2026 stellte das Team vor besondere Herausforderungen. Selbst Ende Juli stiegen die Temperaturen nur selten über acht bis zehn Grad. An vielen Tagen bestimmten Regen und kräftige Winde den Arbeitsalltag. Während der gesamten dreimonatigen Feldsaison konnten die Forschenden nach Lyonnards Angaben nur an drei Tagen T-Shirts tragen. Die Arbeit ließ sich trotzdem nicht einfach verschieben. Messungen müssen zu bestimmten Zeitpunkten erfolgen, Pflanzen werden während ihrer Entwicklung beobachtet, und Versuchsflächen verlangen regelmäßige Kontrollen. Manche Aufgaben erfordern stundenlanges Arbeiten im Freien – gelegentlich auch ohne Handschuhe, weil sich die notwendigen Handgriffe sonst nicht ausführen lassen.
Dazu kommt das Gelände. Wer Messgeräte und Proben durch Schnee und unwegsames Gelände transportiert, braucht Kraft und Ausdauer. Die Forschenden waren mit Rucksäcken unterwegs, die bis zu 30 Kilogramm wogen. Einmal versank eine Kollegin so tief im Schnee, dass ihr Stiefel stecken blieb. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie ihn wieder befreit hatte. Das Team half sich gegenseitig durch die schwierigen Tage. Abends versuchten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, gemeinsam Wärme und Erholung zu finden. Denn die Feldforschung verlangt nicht nur wissenschaftliche Genauigkeit, sondern auch die Fähigkeit, über längere Zeit unter widrigen Bedingungen zusammenzuarbeiten.
Eine Forschungsstation ohne Komfort
Auch das Leben abseits der Messflächen verlangt Umstellung. Die Latnjajaure-Station ist weitgehend auf sich gestellt. Trink- und Brauchwasser holen die Forschenden in Eimern aus einem Bach. Strom liefern Solarmodule und ein Generator, der einmal am Tag eingeschaltet wird, um Geräte und Mobiltelefone aufzuladen. Eine Dusche gibt es nicht. Wer sich waschen möchte, muss in den See steigen. Dessen Wassertemperatur erreichte im Sommer höchstens neun Grad. Alle drei Tage wird allerdings die Sauna angeheizt – eine Gelegenheit, sich aufzuwärmen und mit den Wissenschaftlern anderer Projekte auszutauschen. Auch die Verbindung zur Außenwelt ist begrenzt. An der Station gibt es ein gemeinsames Tablet mit Internetzugang. Wer telefonieren möchte, muss etwa eine halbe Stunde bergauf zu einer Stelle wandern, an der Mobilfunkempfang möglich ist.
Was im Alltag wie ein erheblicher Verzicht wirkt, hat für Lyonnard auch eine andere Seite. Ohne die ständigen Nachrichten, E-Mails und Unterbrechungen können sich die Forschenden ganz auf ihre Arbeit konzentrieren. Zugleich lernen sie die Projekte ihrer Kolleginnen und Kollegen viel besser kennen als bei gelegentlichen Treffen im Büro. Aus der gemeinsamen Arbeit unter schwierigen Bedingungen wächst ein Zusammenhalt, der im Forschungsalltag nicht selbstverständlich ist.
Tausende Pflanzen, Hunderte Messungen
Nach drei Monaten kehrte das Team mit Tausenden Pflanzenproben und umfangreichen Datensätzen zurück. Die Dimensionen der Untersuchung sind beachtlich: Auf 105 Versuchsflächen haben die Forschenden wiederholt den Austausch von Kohlendioxid und Methan gemessen. Sie untersuchten mehr als 200 einzelne Blätter, beobachteten die Blüte von 45 Pflanzenarten und erfassten in Höhenlagen-Experimenten mehr als 5.000 Pflanzen. Nun beginnt die Auswertung. Die Proben müssen analysiert, die Messwerte geprüft und die Ergebnisse mit früheren Beobachtungen verglichen werden. Erste Erkenntnisse erwarten die Forschenden im Laufe des kommenden Jahres. Für umfassende Vergleiche mit den Langzeitdaten wird mehr Zeit nötig sein.
Erst dann wird sich genauer zeigen, wie stark sich Veränderungen der Vegetation, der Bestäubung und der Wechselwirkungen zwischen Pflanzen und Böden gegenseitig beeinflussen. Besonders wichtig ist dabei die Frage, ob die Tundra unter veränderten Klimabedingungen weiterhin Kohlenstoff speichert oder zunehmend Kohlendioxid und Methan an die Atmosphäre abgibt.
Warum die Tundra für das Weltklima wichtig ist
Die Tundra wirkt auf den ersten Blick wie eine karge, weit entfernte Landschaft. Doch ihre Bedeutung reicht weit über den hohen Norden hinaus. In den Böden arktischer und subarktischer Regionen sind große Mengen organischen Kohlenstoffs gespeichert. Wie sich diese Böden unter wärmeren Bedingungen entwickeln, ist deshalb auch für die künftige Entwicklung des Klimas von Bedeutung.
Dabei ist die Antwort nicht einfach. Höhere Temperaturen können das Pflanzenwachstum fördern und damit die Aufnahme von Kohlendioxid verstärken. Zugleich können sie die Zersetzung organischer Substanz im Boden beschleunigen und zusätzliche Treibhausgase freisetzen. Welche Prozesse überwiegen, hängt unter anderem von Feuchtigkeit, Vegetation und den Eigenschaften des Bodens ab.
Genau hier setzt die Forschung in Latnjajaure an. Sie betrachtet nicht nur einzelne Pflanzen oder Messwerte, sondern das Zusammenspiel eines ganzen Ökosystems. Die Langzeitexperimente sind dafür besonders wertvoll: Sie helfen, tatsächliche Entwicklungen von den natürlichen Schwankungen zwischen einzelnen Jahren zu unterscheiden. Der ungewöhnlich kalte Sommer 2026 liefert allerdings noch keine Antwort auf die Frage, wie sich die Tundra langfristig verändert. Ein einzelner Sommer ist kein Beleg für oder gegen die globale Erwärmung. Entscheidend sind die langfristigen Messreihen und die Zusammenhänge, die sich aus ihnen ableiten lassen.
Die Arbeit der Forschenden geht deshalb weit über die Beobachtung eines ungewöhnlichen Sommers hinaus. Sie versuchen zu verstehen, wie ein empfindliches Ökosystem auf eine sich verändernde Welt reagiert – und was diese Veränderungen für den Kohlenstoffkreislauf und das globale Klima bedeuten könnten.
*Quelle: Universität Göteborg, „A summer that never came – three months of research on the tundra“, veröffentlicht am 12. Oktober 2026. [Originalmeldung lesen](https://www.gu.se/en/news/a-summer-that-never-came-three-months-of-research-on-the-tundra).*
