Wenn die Natur beim Klimaschutz mitarbeitet

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Flüssen mehr Raum geben, Moore wiedervernässen und Städte begrünen: Die Niederlande wollen sich mit natürlichen Lösungen gegen die Folgen des Klimawandels wappnen. Eine neue Studie zeigt, wie sich Hochwasserschutz, Landwirtschaft, Naturschutz und Stadtentwicklung besser miteinander verbinden lassen. Auch für Deutschland steckt darin eine wichtige Botschaft. Was wäre, wenn Flüsse bei Hochwasser nicht länger gegen enge Deiche und verbaute Ufer ankämpfen müssten? Wenn Böden Regenwasser aufnehmen und speichern könnten, statt es möglichst schnell in die Kanalisation abzuleiten? Und wenn Städte so viel Grün bekämen, dass sie sich im Sommer weniger aufheizen?

Solche Fragen stehen im Mittelpunkt eines neuen Berichts aus den Niederlanden. Unter dem Titel „Natuurlijk kan het slimmer“ – sinngemäß: Mit der Natur lässt es sich klüger machen – hat das Wissens- und Innovationsprogramm NL2120 untersucht, wie das Land langfristig widerstandsfähiger gegen die Folgen des Klimawandels werden kann. Beteiligt ist auch das Forschungsinstitut Deltares, das sich unter anderem mit Wasser, Boden und Klimaanpassung beschäftigt. Die am 8. Oktober vorgestellten Ergebnisse beschreiben mögliche Landschaften des Jahres 2120. Sie sind keine fertigen Baupläne. Vielmehr wollen die Forschenden zeigen, welche Chancen darin liegen, natürliche Prozesse stärker für den Schutz vor Hitze, Dürre, Starkregen und Überschwemmungen zu nutzen.

Flüssen wieder Platz geben

Die Niederlande wissen, wie eng das Schicksal eines Landes mit dem Wasser verbunden ist. Große Teile des Staatsgebiets liegen tief, die Flüsse führen Wasser aus weiten Teilen Europas in Richtung Nordsee. Steigende Meeresspiegel und häufigere Wetterextreme erhöhen den Druck, Siedlungen und Infrastruktur zu schützen. Lange galt es vor allem als technische Aufgabe, das Wasser in Schach zu halten. Deiche wurden erhöht, Ufer befestigt und Flüsse reguliert. Solche Bauwerke bleiben wichtig. Doch sie allein werden den Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte nicht gerecht.

Eine der fünf Strategien des NL2120-Berichts setzt deshalb darauf, Flüssen mehr Raum zu geben. Breitere Auen und natürlichere Ufer sollen Wasser bei Hochwasser aufnehmen und zugleich wertvolle Lebensräume schaffen. Natürliche Flussläufe mit mehreren Rinnen können außerdem die Strömung verteilen und der Erosion des Flussbetts entgegenwirken. Davon könnte auch die Schifffahrt profitieren. Denn wenn Flüsse bei Trockenheit weniger schnell Wasser verlieren, bleiben sie länger befahrbar. Der Ansatz ist nicht neu. Das niederländische Programm „Ruimte voor de Rivier“ – Raum für den Fluss – verfolgt diese Idee bereits seit Jahren. Die neue Studie will solche Erfahrungen in eine umfassendere Strategie für die Landschaftsentwicklung einordnen.

Moore schützen und neue Landwirtschaft ermöglichen

Ein zweiter Schwerpunkt sind die niederländischen Moor- und Niedermoorgebiete, die vielfach landwirtschaftlich genutzt werden. Werden entwässerte Torfböden mit Sauerstoff in Kontakt gebracht, zersetzt sich das organische Material. Dabei wird Kohlendioxid freigesetzt, zugleich sackt der Boden ab. Ein höherer Wasserstand kann diesen Prozess bremsen. Die Wiedervernässung schützt den Torf, vermindert die Bodensenkung und eröffnet Möglichkeiten für neue Formen der Landwirtschaft. Dazu gehört der Anbau von Pflanzen, die auch auf nassen Flächen gedeihen. Schilfartige Gewächse wie Rohrkolben können beispielsweise als nachwachsender Rohstoff genutzt werden. Daraus könnten neue Einkommensquellen entstehen, wenn geeignete Verarbeitung und Absatzmärkte vorhanden sind.

Für die Landwirtschaft ist das allerdings kein einfacher Wechsel. Höhere Wasserstände verändern die Bewirtschaftung, und nicht jede bisherige Nutzung lässt sich fortsetzen. Neue Kulturen brauchen Abnehmer, geeignete Erntetechnik und wirtschaftlich tragfähige Geschäftsmodelle. Gerade deshalb ist der Ansatz interessant: Klimaanpassung soll nicht allein als zusätzliche Belastung verstanden werden. Sie kann auch Anlass sein, neue wirtschaftliche Perspektiven für Regionen zu entwickeln, deren bisherige Nutzung zunehmend unter Druck gerät.

Landschaften als Wasserspeicher

Auch in den sandigen Regionen der Niederlande wollen die Forschenden die natürlichen Fähigkeiten der Landschaft stärker nutzen. Bäche und ihre Auen sollen mehr Wasser aufnehmen, speichern und allmählich wieder abgeben können. Das klingt unspektakulär, kann aber entscheidend sein. Wenn Regenwasser in der Fläche zurückgehalten wird, fließt es langsamer ab. Das kann Hochwasserspitzen mindern. Zugleich steht mehr Wasser zur Verfügung, wenn längere Trockenperioden folgen.

Der Ansatz verändert den Blick auf die Landschaft. Nicht allein einzelne Flüsse, Gräben oder technische Anlagen zählen, sondern das gesamte Einzugsgebiet. Wasser soll dort zurückgehalten werden, wo es fällt, und sich möglichst natürlich durch die Landschaft bewegen. Das berührt auch die Nutzung von Flächen für Landwirtschaft, Siedlungen, Trinkwassergewinnung und Erholung. Die verschiedenen Ansprüche müssen miteinander abgestimmt werden. Ein intakter Wasserhaushalt ist keine isolierte Aufgabe des Naturschutzes, sondern eine Voraussetzung dafür, dass viele andere Nutzungen langfristig funktionieren.

Städte, die Regen aufnehmen und Hitze abfedern

In Städten zeigt sich besonders deutlich, wie eng Klimaanpassung und Lebensqualität zusammenhängen. Versiegelte Flächen speichern Wärme und lassen Regenwasser oft schnell abfließen. Bei heftigen Niederschlägen kann die Kanalisation überlastet werden. Während Hitzeperioden fehlen vielerorts schattige, kühle Orte. NL2120 setzt deshalb auf mehr Grün und blau-grüne Infrastruktur: Bäume, Parks, begrünte Dächer und Flächen, auf denen Wasser versickern oder zeitweise gespeichert werden kann. Solche Maßnahmen können mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen. Bäume spenden Schatten und kühlen ihre Umgebung. Grünflächen bieten Lebensräume für Tiere und Pflanzen. Mulden und bepflanzte Rückhalteflächen können Regenwasser aufnehmen und die Kanalisation entlasten.

Entscheidend ist, diese Elemente nicht als dekorative Ergänzung zur Stadtplanung zu behandeln. Sie müssen von Anfang an mitgedacht werden – bei Neubaugebieten ebenso wie bei der Umgestaltung bestehender Quartiere. Das erfordert Platz. Gerade in dicht bebauten Städten konkurrieren Grünflächen mit Wohnungen, Straßen und Gewerbe. Die niederländische Studie plädiert deshalb dafür, die verschiedenen Anforderungen gemeinsam zu planen, anstatt jede Aufgabe getrennt zu lösen.

Was Deutschland daraus lernen kann

Die niederländischen Vorschläge sind auch für Deutschland relevant. Starkregen, ausgetrocknete Böden, Hitze in Städten und die Belastung von Flüssen sind keine Probleme, die an Landesgrenzen haltmachen. Zugleich unterscheiden sich die Voraussetzungen regional erheblich. Was an der Küste sinnvoll ist, muss nicht automatisch für ein Mittelgebirge oder eine dicht bebaute Großstadt passen. Die Grundidee lässt sich dennoch übertragen: Natürliche Prozesse sollten bei der Planung stärker berücksichtigt werden. Wo Flüsse Platz bekommen können, wo Böden Wasser speichern und wo Moore wiedervernässt werden können, lohnt sich eine sorgfältige Prüfung. Technische Maßnahmen bleiben dort notwendig, wo Menschen und Infrastruktur anders nicht ausreichend geschützt werden können.

Die Forschenden verbinden ihre Vorschläge deshalb ausdrücklich mit technischen Lösungen. Es geht nicht darum, Deiche, Kanalisation oder andere Schutzanlagen überflüssig zu machen. Vielmehr sollen natürliche und technische Maßnahmen zusammenwirken. Ein weiterer Gedanke ist für die Kommunalpolitik besonders wichtig. Investitionen in Wasserwirtschaft und Klimaanpassung sollten zugleich dem Naturschutz und der Wiederherstellung von Ökosystemen dienen. Wenn Straßen, Rückhaltebecken, Flussufer oder Neubaugebiete ohnehin umgestaltet werden, können zusätzliche ökologische Funktionen oft bereits bei der Planung berücksichtigt werden. Das setzt voraus, dass Kommunen, Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Unternehmen und Naturschutz frühzeitig zusammenarbeiten. Sonst besteht die Gefahr, dass eine Maßnahme zwar ein einzelnes Problem löst, an anderer Stelle aber neue Schwierigkeiten verursacht.

Eine Investition in die Zukunft

Der Bericht blickt bis ins Jahr 2120. Er vergleicht für fünf Landschaftstypen – Küsten, Flüsse, Moorgebiete, Sandlandschaften und Städte – eine stärker naturorientierte Entwicklung mit einer Fortsetzung der bisherigen Politik. Für die Küste legen die Berechnungen unter anderem einen Meeresspiegelanstieg von einem Meter bis zum Jahr 2100 zugrunde. Die Ergebnisse sind Zukunftsszenarien und keine sicheren Vorhersagen. Die Botschaft der Studie ist dennoch klar: Klimaanpassung lässt sich nicht allein durch immer höhere technische Schutzanlagen erreichen. Es kommt auch darauf an, wie wir unsere Landschaften nutzen und gestalten.

Wenn Flüsse mehr Raum bekommen, Böden Wasser speichern und Städte Regen aufnehmen können, entstehen Vorteile, die über den Hochwasserschutz hinausgehen. Sie reichen von neuen Lebensräumen über eine bessere Wasserqualität bis zu einem angenehmeren Stadtklima. Die Natur erledigt diese Aufgaben nicht kostenlos und auch nicht überall von allein. Natürliche Lösungen brauchen Flächen, Planung, Pflege und Zeit. Doch sie können mehrere Probleme gleichzeitig angehen. Vielleicht liegt genau darin der entscheidende Perspektivwechsel: Die Natur ist nicht nur etwas, das vor den Folgen menschlicher Eingriffe geschützt werden muss. Ihre Funktionsfähigkeit kann auch dabei helfen, unsere Siedlungen, unsere Wirtschaft und unsere Lebensgrundlagen zu sichern.

Quelle: Deltares, „Working with nature makes the Netherlands more climate-resilient“, 8. Oktober 2026. [Originalmeldung und weiterführende Informationen](https://www.deltares.nl/en/news/natuur-laten-meewerken-maakt-nederland-slimmer-klimaatbestendig).